Akzelerationismus und die Vierte Wende

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In ihrem Buch The Fourth Turning von 1997 beschreiben die Autoren William Strauss und Neil Howe eine zyklische Theorie der amerikanischen Geschichte. Sie stellen Überlegungen an, dass die verschiedenen Generationen, die einander in gesellschaftlicher Dominanz ablösen, in vier Phasen wiederholt auftreten. Diese nennen sie Höhepunkt, Erwachen, Auflösung und Krise.

Der amerikanische Präsident Joe Biden konnte jüngst vernommen werden, wie er von einer anstehenden „New World Order“ sprach, einer neuen Weltordnung. Diese könne mit oder ohne den Westen eingeläutet werden, weshalb man sich darum bemühen müsse, früh die Führung in ihrer Entwicklung zu übernehmen. Dabei bezog er sich auf geheimdienstliche Informationen. In derselben Rede spricht er auch von der liberalen Ordnung bereits in der Vergangenheitsform. Handelte es sich bei ihr um den Höhepunkt?

Diese Kommentare fallen in einer Zeit, in der das Munkeln von einem „Great Reset“, einst wohl überproportional zum Schreckgespenst aufgeblasen, nun zur offenen Debatte der globalen Eliten anschwillt. Auch den Bürgern westlicher Staaten fällt mittlerweile auf, dass historische wirtschaftliche Umbrüche stattfinden. 

Hohe Energiepreise und ein inkonsequentes Ende der Covid-Maßnahmen senken das Vertrauen in die Regierung. Es scheint seltsam, wie vermeintlich unbedacht der pandemische Wachstumsstillstand mit präzedenzloser Schuldenpolitik kombiniert wurde. Man könnte von einem „Erwachen“ der Zivilbevölkerung sprechen.

Nun ist davon auszugehen, dass unsere dekadente Wohlstandsgesellschaft alles andere als gut darauf vorbereitet ist, welche Sintflut nach ihr kommt. Wirtschaftliche Zerstörung und kulturelle Ernüchterung werden Hand in Hand gehen. Die luxuriösen Identitätsdebatten, die eben noch die politische Bühne bestimmten, wird man sich bald nicht mehr leisten können. Schon jetzt schwanken Aktienmärkte, steigt die Inflation und droht sowohl der internationale als auch der Bürgerkrieg. Die Auflösung ist in vollstem Gange. Und ein hungriger Magen kennt nur die Sprache des Knurrens.

Am Ende der Entwicklung steht die ausgewachsene Krise, deren Leidensdruck die verhätschelten Westler sich kaum ausmalen können. Wenn wir von der Flüchtlings-, der Klima- und der Corona-Krise sprachen, dann nutzen wir dieses Wort im Vergleich gewiss hyperbolisch. Doch die Folgen all dieser anhaltenden „Ausnahmezustände“ könnten in einem konzentrierten Schwall über uns hereinbrechen, sobald der gesellschaftliche Diplomat namens „Wohlstand“ nicht länger die Wogen glättet.

Wenn überhaupt möglich, dann kann die nächste Phase des Zyklus nur verhindert werden, indem man zu den Anfängen zurückkehrt. Doch die Reaktion ist eben verpönt, wie das stets der Fall ist, wo Dekadenz herrscht. Der Fatalist hat ohnehin keine Hoffnung, der Idealist sieht die Gefahr noch nicht und der Zyniker heißt das Ende schon willkommen. Nietzsche würde vielleicht vom nächsten toten Gott sprechen und den Individuen mit offenem Ohr dazu raten, eigene Werte zu schaffen, um den Abgrund zu überbrücken. Doch in jedem Fall scheint die liberale Gesellschaft am Ende.

Über die Trümmer des Westens werden die Ideologen verhandeln; und wenigstens beim Wiederaufbau könnten auch die heute Unterdrückten ein Wörtchen mitreden. Es ist also mit Akzelerationismus von allen Seiten zu rechnen. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, muss man wohl manche scheinbare Idiotie für eiskaltes Kalkül verstehen. Glück auf.

Till Nordbruch
Herausgeber des Philosophie Journals

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