Alles Schwurbler außer Mutti

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Die Deutschen halten sich ihre Philosophen wie Papageien: Als Amüsement, das der Bestätigung ihrer eigenen Überzeugungen dient. »Toll, wie die wiederholen, was ich sage!« Sobald einer ihrer auserwählten Denker aber zu laut kräht, gibt es Chicken Wings zum Abendessen.

In jüngster Vergangenheit wurden Flaßpöhler und Precht angefeindet, da sie nicht innerhalb von zwei Jahren zu totalitären Freiheitsfeinden geworden sind, wie die meisten anderen Mediengäste. Damit opfert die hegemoniale Linke gleich zwei prominente Talkshow-Urgesteine und Regierungsfreunde dem Maßnahmenwahn. Dass es sich bei Precht sogar um einen persönlichen Freund Karl Lauterbachs (SPD) handelt, kann ihn auch nicht mehr retten. | Dazu mehr:

Philosophie Journal: Die Gunst des Pöbels zum Brotberuf (Sept. 2020)

Derweil konnte Angela Merkel, über alle Kritik erhaben, die wildesten Schwurbel-Sätze in die Kameras sagen, ohne zu blinzeln.

Die Frage, die man sich nun stellen muss, lautet: Wie viel Philosophie kann Deutschland noch vertragen, ohne gleich mit kindischen Abwehrreflexen und Heulkrämpfen seine intellektuelle Unfähigkeit zu überspielen? Ein Volk, das seinen Vordenkern und berufsmäßigen Kritikern schon lange nicht mehr zuhört, nun aber sogar die mäßigenden Klassisch-Liberalen ins Fegefeuer stößt? Eine Gesellschaft, die Dissidenten als persönliche Beleidigung interpretiert, anstelle sie als Warnzeichen für den eigenen Übermut zu deuten?

Fakt ist jedenfalls, dass die F.A.Z. sich mittlerweile nur geringfügig noch vom SPIEGEL unterscheiden lässt. Dass in der Tagesschau konsequent gegendert und gerne auch mal ein Sternchen mit Glottalverschlusslaut markiert wird. Dass die taz bald gar nicht mehr weiß, wie sie überhaupt noch radikaler als der Rest sein kann.

Wir kennen keine Bremsen mehr für den rasanten Drift nach links. Alle Hindernisse werden geflissentlich aus dem Weg geschafft, denn kritisches Denken wird mittlerweile als inhärent problematisch betrachtet, wann immer es das Neue betrifft. Umgekehrt gerät das Alte, der Status quo nun in Erklärungsnot, hat sich zu rechtfertigen.

Viele Boomer agieren nach dem Spielplan, dass sie im Zweifel trotz absolutem Unverständnis lieber mit dem Wandel mitgehen. Auch, um sich nicht als ewiggestrig zu outen bzw. einzugestehen, dass sie alt geworden sind. Für die illusorische Unsterblichkeit der Super-gesunden, der ernährungsoptimierten Spießer, die heute mehrheitlich die Grünen wählen, wird insofern gern jegliche Eigenverantwortung und Rechtsstaatlichkeit aufgegeben.

Das Vertrauen in die Institutionen, welches diese 50+ Jahre alten Menschen während ihrer Lebenszeit aufbauen konnten, wird fälschlicherweise nun einer neuen Art des Regierens zuteil, dessen Folgen die nächste Generation erst ausbaden darf: Wo die Boomer & Co. finanziellen Aufschwung genossen, der aus individuellen und marktwirtschaftlichen Freiheiten resultierte, baut man nun diese Vorbedingungen ab. Wie wenig Weitsicht das zeigt, wird deutlich, wenn man sich die Narrative zur Inflation ansieht. Mittlerweile kann in der Öffentlichkeit nicht einmal die offensichtlichste Inflation in der Geschichte der BRD zwei Jahre im Voraus abgesehen werden.

Man will sich nicht ausmalen, welche Fehler wir auf 10 Jahre hochgerechnet gerade begehen. Und um solchen Bedenken überhaupt zu begegnen, muss man sich schon außerhalb der Massenmedien und Prime-Time-Shows bewegen. Der Schluss, den man ziehen muss: Deutschland hat seine besten Tage bereits gesehen. Die, die es zu Lebzeiten genießen durften, werden es noch zu Grabe tragen.

Glück auf.

Till Nordbruch
Herausgeber des Philosophie Journals

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