Apokalyptische Reiter der Clown-Welt

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Wir schreiben das Jahr 2021. George Orwell würde heute Trivialliteratur veröffentlichen, denn was als Nächstes kommt, kann sich keiner ausdenken. Die Demokratie, vor wenigen Jahren noch inbrünstig gegen Hass, Hetze, und gegen Rechts verteidigt, musste einer Technokratie Platz schaffen – endlich hat man erkannt, der Bürger ist dumm und muss vor sich selbst geschützt werden. Er verbietet sich zwar noch die Bezeichnung als Schaf, aber träumt bereits von der Herdenimmunität. Er meint zwar noch, die Wissenschaft zu verstehen, aber er überlässt die Deutung der Fakten seinen Vorgesetzten. Er fragt sich nicht, was seine Regierung für ihn tun kann, sondern was er für seine Regierung tun kann.

Das Recht, über seinen eigenen Körper zu bestimmen, fängt bei der Abtreibung an und hört knapp vor der Impfpflicht auf. Die Eigenverantwortung gilt zwar nicht beim Verdienen des Lebensunterhalts, sehr wohl aber bei der Ansteckung der Mitmenschen durch Tröpfcheninfektion. Am Arbeitsplatz sind Qualifikation und Leistung zweitrangig, die Anzahl der G’s bestimmen eine fundamental verschiedene Behandlung der Steuerzahler. Die Gesellschaft ist entweder gespalten oder nicht, je nachdem, ob man die Ungeimpften noch zur Gesellschaft zählen will oder Olaf Scholz heißt.

Wer die Regierung kritisiert ist eine rechtsradikale Splittergruppe aus ca. 30 Millionen ›Coronagegnern‹, Schwurblern und indirekten Mördern ohne Menschlichkeit. Daher werden alle Formen des Protests verboten, zum Schutz der Demokratie und der Demonstranten. Die Gegenproteste bleiben derweil erlaubt, denn sind wir nicht alle gegen Proteste? Dass auch immer jemand sich beschweren muss, dabei läuft es doch so gut hier, in der schönen neuen Welt.

Meine Damen und Herren,

aus dem amerikanischen Raum wurde uns der Begriff der ›Clown-Welt‹ zugetragen. Er beschreibt eine Realität, in der sich mit großer Zuverlässigkeit stets das unterhaltsamste Ergebnis einstellt. In der medial und kommunikationstechnologisch zugespitzten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts kann man sich darauf verlassen: Aufmerksamkeit geht über alles. 

Und so bestimmt unseren Alltag der Umgang mit einem Virus, das sich inzwischen wenigstens als zehnmal weniger tödlich herausgestellt hat, als anfangs angenommen. Derweil eskalieren wir unsere Reaktion auf die Gefahr ins Unermessliche. Der vierte Booster-Shot für die sehr effektive Impfung ist angekündigt, es wird auch der fünfte und sechste kommen. Die Spritze wird zum Ritual der Coronagläubigen im Kampf gegen die Leugner. Ich sehe was, das du nichts siehst – einen Einzelhandel von innen.

Die Inflation gab es erst gar nicht, dann war sie vorübergehend und jetzt ist sie gut. Der inkrementelle Verfall der westlichen Zivilisation soll nicht die Folge einer Assimilation an China sein, sondern Folge eines Mangels derselben. Gewiss, im Osten hat man die Pandemie schnell gebannt; gerade rechtzeitig, dass sie sich auf der ganzen Welt zuvor noch ausbreiten konnte. Das ist aber nicht verdächtig, sondern beneidenswert. Und wir sind zwar alle vegan, aber dass man dort Fledermäuse isst und keine Hygienevorschriften kennt, dafür können doch die Chinesen nichts.

In Deutschland ist der Social-Credit derweil schnell überzogen, wenn man sich etwa öffentlich gegen Maßnahmen ausspricht bzw. öffentlich überhaupt aus der Reihe tanzt. Schließlich gilt seit neuestem Tanzverbot! Alle zwei Wochen öffnet sich ein neues Türchen der Maßnahmenpolitik. Was bekommen wir heute vorgeschrieben? Darf man sich noch mit der eigenen Familie treffen? Kommt darauf an, wieviele Ungeimpfte und wieviele Haushalte undsoweiter undsofort.

Aber bald ist das ja vorbei, diesmal auch wirklich! Die Pandemie bekommen wir schon in den Griff, wir müssen einfach immer zwei Schritte hinterherhinken, dann läuft’s bei uns. Die Welle mag abebben, aber die Langzeitfolgen der Untertanenmentalität bleiben. Eine ganze Generation kennt schon nichts anderes mehr. 

In diesen Tagen ist man entweder Optimist oder man behält recht. Ist man entweder Verschwörungstheoretiker oder in einem Zustand anhaltender Überraschung. Wichtig ist am Ende immer nur, dass man den Skeptikern Kontra gibt, indem man sagt, »das war ja von vornherein klar«, wenn diese mit ihren eintretenden Prognosen hausieren gehen wollen.

Wenn keine Übersterblichkeit eintritt, ist es trotz Covid, wenn sie eintritt, ist es wegen Covid. Bestimmt ist es nicht wegen der Generation der ›Baby Boomer‹ und bestimmt liegt es nicht daran, dass man im einen Fall die durchschnittlichen Todesfälle mehrerer Jahre vergleicht, im anderen beliebige 12 Monate auswählt.

Wenn ein Mann seine Familie wegen des Klimawandels tötet, ist es erweiterter Suizid. Tut er es wegen gefälschter Impfzertifikate, ist es mehrfacher Mord. So lässt sich die Welt verstehen, durch die Scheuklappen der Gäule, auf deren Rücken die apokalyptischen Reiter über unsere Monitore galoppieren. Welchen Anteil hat heute noch der ›Bericht‹ in der deutschen Medienlandschaft? Überall liest man nur noch Meinungen und Kommentare. »Zurecht, wie ich finde!«

Und sicherlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn man, vom Türsteher wegen 2G-Plus abgewiesen, leise zu sich selbst sagt: »Das Beste, was man in dieser Zeit für seinen Charakter tun kann, ist zu dokumentieren, dass man nicht dazugehört hat.«

Glück auf.

Till Nordbruch
Herausgeber des Philosophie Journals

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