Defensive Synchronisierungen des Schwarmverstands

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Wird ein Fischschwarm angegriffen, so ändern alle Fische abrupt ihre Richtung, um der Bedrohung zu entkommen. Die schillernden Schuppen verschmelzen in diesem Manöver zu einem einzigen Körper, der größer scheint als die Summe seiner Teile. Auf diese Weise können hunderttausend Sardinen einen Hai verwirren.

Im Leben einer Sardine ist kein Platz für Individualismus, denn alleine ist sie hilflos. Nur ihre zahlenmäßige Überlegenheit gibt ihr eine Überlebenschance. Daher steht der einzelne Fisch auch nicht bei jedem Angriff erneut vor existenziellen Fragen, in welche Richtung er beispielsweise fliehen soll. Die Antwort liegt stets auf der Hand: Der Schwarm bestimmt die Richtung, ich bin der Schwarm und der Schwarm ist Ich.

Der Mensch unterscheidet sich in dieser Hinsicht auf den ersten Blick vom Herdentier. Er formt deutlich kleinere soziale Gruppen, innerhalb derer er wiederum zum Dissens neigt. Selbst solche Kollektive, die auf abstrakter Ebene auf Gleichförmigkeit abzielen, weisen häufig interne Konflikte auf: Seien es Scharmützel innerhalb einer politischen Partei, Streitgespräche in der Familie oder Beziehungskrisen. Wir sind deutlich komplexer und zerrissener als eine handelsübliche Sardine.

Dennoch lassen sich instinktive Reflexhandlungen beobachten, sobald eine soziale Gruppe unter Beschuss gerät. In ärmeren Milieus steigt der familiäre Zusammenhalt. In Großunternehmen bilden sich Gewerkschaften und in Kriegszeiten wächst der Patriotismus. All dies legt nahe, dass auch der Mensch sich Schutz vom Kollektiv verspricht. „Gemeinsam sind wir stark. Solidarität etc.“

Betrachtet man die zunehmende Synchronisierung der westlichen Kultur, die sich parallel in den Lagern des erstarkenden Konservatismus und des noch hegemonialen Progressivismus einfindet, so fühlt man sich an zwei Sardinenschwärme erinnert, die sich gegenseitig als Hai bezeichnen. Immer häufiger lautet der Kompromiss, den ein Individuum bei der Meinungsfindung eingeht: „Im Zweifel verteidige ich die Position meines Lagers.“ 

Und so wählen Democrats Biden, weil er nicht Trump ist. So unterstützen moderate Linke die Zwangsimpfung gegen Covid-19, weil die moderaten Rechten dagegen sind. So lehnen bald libertäre Amerikaner das Recht auf eine Abtreibung ab, weil radikale Feministen das Baby noch einen Tag vor der Geburt töten dürfen wollen.

Unter dem altbekannten Motto, „teile und herrsche“, machen sich offenkundig viele Politiker diese Dynamik zunutze. Doch ein größeres Problem stellt wohl der Umstand dar, dass die Diversität der Meinungen und Ideen der Synchronisationsspirale zum Opfer fällt. Und wo die Ablehnung der gegnerischen Seite das alleinige Motiv für die Unterstützung der „eigenen“ Ideen ist, sinkt die Qualität aller Ideen.

Denn ja, Biden ist nicht Trump, aber er ist auch kein guter Präsident. Die Impfung ist nicht ein „Bill-Gates-Mikrochip“, aber sie ist auch nicht sehr effektiv und erforscht. Abtreibungsverbote verhindern gruselige Szenarien, fördern aber nicht die individuelle Selbstbestimmung. In einer Zeit, in der diese rapide abnimmt.

Nach einer Weile sehen wir stets ein, dass wir unter Zeitdruck und mit unzureichenden Informationen ausgestattet eine Sache unterstützt haben, die uns nicht zum Vorteil gereicht. Die Zufriedenheit mit Biden ist auf einem historischen Allzeittief, die Hoffnungen in die Spritze wurden enttäuscht, die „Roe v. Wade“-Abtreibungsdebatte wird letzten Endes einer blassen Linken zu neuer Farbe verhelfen.

Will man sich also besinnen und das eigene Schwarmverhalten wenigstens in einigen Fragen überdenken, wird man folgende Erfahrung machen: Die hässliche Fratze des feindlichen Lagers ist eine Reflexion des eigenen. Die Gefühlslage und das Selbstverständnis beider Schwärme sind von innen betrachtet identisch. Die Handlungen des Feindes scheinen irrational und willkürlich, frei von jedem Sinn und Verstand, weil sie das Produkt eines Schwarms sind, der sich bedroht fühlt.

Man könnte versuchen, die aufklärerischen Floskeln vom Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu bemühen. Man könnte Freiheitskämpfer und Individualisten zitieren. Man könnte die Friedenspfeife herumreichen und diplomatische Gespräche anregen. Doch vermutlich wäre all dies vergeblich, denn das Einzige, was stärker ist als die Ablehnung des anderen Schwarms, ist die Furcht jeder Sardine vor der Heimatlosigkeit.

Till Nordbruch
Herausgeber des Philosophie Journals

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