Deutsche Philosophen – nur tot erhört

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Wie man deutsche Philosophen rezipiert.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befinden sich die westlichen Geisteswissenschaften in einer seltenen Form der Krise. Die Stagnation der Debattenkultur und die von oben herab installierte politische Korrektheit erzeugen ein lähmendes Klima der Angst und Meinungsscheue. Studenten bilden sich nicht mehr zu eigenständigen Denkern aus, sondern sind ›verlängerte‹ Schüler. Deutsche Philosophen finden entweder kein Gehör oder dienen der Reproduktion des Konsenses.

Das pathologische Verhältnis der Deutschen zu ihren Philosophen der Gegenwart gleicht dem zu Papageien. Man schmückt sich mit den Federn derer, die in außergewöhnlicher Sprache die gewöhnlichsten Gedanken formulieren. Auch historisch betrachtet ist diese Diagnose nicht von der Hand zu weisen. Einige Wenige haben die Gunst des Pöbels zum Brotberuf. Doch meist mussten deutsche Philosophen erst sterben, um erhört zu werden.

Im Vergleich zu heute gab es noch in der Weimarer Republik eine schillernde Universitätskultur.  Doch auch damals konstatiert Friedrich Gundolf ernüchternd, dass dieses Land höchstens alle 100 Jahre einmal einen Deutschen von wahrer Größe hervorbrächte. In seine Liste von Denkern, die George, Goethe und Nietzsche einschließen, kann man sich schwerlich vorstellen, Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler einzureihen.

Selbst diese beiden medial populärsten und atmenden Philosophen gerieten jüngst in die Kritik, als sie angesichts einer diskutierten Impfpflicht für die Freiheit argumentierten. Der Vorfall stellte zugleich ihren einwöchigen Höhepunkt der Bekanntheit und Wendepunkt der Beliebtheit dar, wie sich Suchanfragen entnehmen lässt. Freiheit ist bekanntlich heute nicht sonderlich angesagt, deshalb wird ihren Vertretern abgesagt.

Doch so häufig man heute dafür Nietzsche und Hannah Arendt zitiert, so unbekannt bzw. unterdrückt waren diese zu Lebzeiten. Nietzsche musste erst verrückt werden, Arendt erst aus dem Land fliehen, bevor beide die Gunst des deutschen Volkes erlangten. Bei all den Instrumentalisierungen und teils ignoranten Interpretationen, die man ihnen heute antut, würden sie sich vermutlich im Grabe umdrehen. Vielleicht wartet der Deutsche einfach wie ein Aasgeier, bis der Philosoph sich nicht mehr wehren kann. Dann wird er nützlich gemacht.

Was man las, war Aas…

Wozu sind deutsche Philosophen gut?

Welchen tatsächlichen Nutzen haben jedoch deutsche Philosophen der Gegenwart? Innerhalb einer Lebensspanne von etwa 80 Jahren werden die Wenigsten wohl Werke hervorbringen, die von zeitloser Relevanz zeugen. Doch wenigstens für den Kommentar des Tagesgeschehens, für die Kritik der Jetztzeit und für eine abwechslungsreiche Debattenkultur sollten sie doch gut sein! Stattdessen erleben wir ein einseitiges Wiederkäuen des unhinterfragten Fortschritts.

Und wie man deutsche Philosophen behandelt, so ergeht es Dissidenten im Allgemeinen. Der konservative Graf von Stauffenberg wird heute von der Linken für seinen Mordanschlag auf Hitler wenigstens billigend zur Kenntnis genommen, wenn nicht schon vereinnahmt. Selbstverständlich dankte das deutsche Volk es ihm damals mit seiner Hinrichtung. Doch auch, wo es beim Verbalen bleibt, will heute jeder auf der Seite der Kritiker der Vergangenheit stehen, bleibt aber vehementer Befürworter der Gegenwart.

Heute wird jede abweichende Meinung für ›radikal‹ erklärt, Cancel-Culture inhaltlicher Diversität vorgezogen und der Volkssport besteht in einem Wettschwimmen im Mainstream. Für die Deutschen gilt historisch: Erst post mortem behält der Kritiker recht, also lasst ihn uns doch gleich erschlagen!

Till Nordbruch
Herausgeber des Philosophie Journals

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