Die rote Pille

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Wenn sie es einmal gesehen haben, lässt es sich nicht mehr übersehen: Die deutsche Medienlandschaft ist politisch voreingenommen und beinahe ausnahmslos regierungstreu. Die überwiegende Mehrheit aller Journalisten kommt heute aus der Universität in die Kolumnen und Tagesblätter geströmt. Damit haben wir es geschafft, den einen Beruf, der am lautesten nach Diversität und Ausgewogenheit schreien sollte, mit realitätsfernen Grünen-Wählern zu füllen – disproportional zur deutschen Bevölkerung.

Um diesen Fehler zu bemerken oder überhaupt als solchen zu sehen, muss man scheinbar nicht-links und gut informiert sein. Andernfalls erscheint dieser Umstand mittlerweile schlicht wie Tradition. Die Deutschen kennen überhaupt keinen Vergleich, zu dem, was sie Journalismus nennen. Berichterstattung und Haltung gehen für sie Hand in Hand. Dass sich die mediale Repräsentation der Realität auf unseren Alltag aktiv auswirkt, benötigt nicht nur keinen Beweis – jeder Versuch, einen solchen zu liefern, wäre verschwendete Lebensmüh‘.

Es verhält sich eben wie in dem Film ›Matrix‹, dass man heute in zwei parallelen Wahrnehmungen lebt, je nachdem, welche Pille man zu schlucken bereit war: Die blaue Pille wiegt ihren Konsumenten in seliger Unwissenheit; die rote Pille öffnet die Augen für die unschönen Machenschaften im Hintergrund.

Das Demokratie-Schauspiel, das abends über die Bildschirme läuft oder an den Zeitungsständen nicht vorzeitig aus dem Sortiment genommen wird, hält die Bürger genau dort, wo man sie will. Leicht zu regieren, gerade zufrieden genug, um nicht zu rebellieren. Gerade unzufrieden genug, um nicht auf ›dumme‹ Ideen zu kommen.

Welchen Vorteil kann man aber daraus ziehen, die rote Pille geschluckt zu haben? Umkehren lässt sich dieser Prozess nämlich kaum. Gibt es wenigstens einen Vorteil, neben dem verbissenen Stolz des Besserwissers, seine geistige Unschuld zu verlieren? Ist der Schein von Glück nicht Glück – und sein Verlust Unglück?

Nun, desillusioniert zu sein kann hilfreich sein. Die eigenen Prognosen über die Zukunft können nur einen Wert haben, wenn sie auf der korrekt erkannten Gegenwart beruhen. Vielleicht muss man sogar sagen: Wer die besten Vorhersagen trifft, weiß nicht unbedingt mehr über die Zukunft als andere. Er weiß mehr über das, was ist. Wie der Mensch ist, wie die Natur ist.

Und der Spiegel wollte doch »sagen, was ist«. Nur tut er es nicht länger, denn ein neutraler Bericht ist in der leichter zugänglichen Medienlandschaft des 21. Jahrhunderts nicht wettbewerbsfähig. Das Produkt enthält die Wesenseigenschaften seines Produzenten. Und das tatsächliche Engagement, die Interaktion der Nutzer mit Inhalten, geschieht auf der Basis von Bestätigungsfehlern und Ressentiments.

Aufgrund unserer zunehmend digitalisierten Wahrnehmung ist es daher gänzlich unattraktiv geworden, guten Journalismus zu betreiben. Stattdessen muss man die Meinungen und Konflikte befeuern, die in den modernen Stammeskriegen mit der Waffe der Desinformation geführt werden. Mehr hierzu im Philosophie Journal.

Till Nordbruch
Herausgeber des Philosophie Journals

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