Einbahnstraßen der Unfreiheit

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Wir können mittlerweile auf zwei Jahre des Ausnahmezustands zurückblicken, der uns anfangs mit den Worten verkauft worden war: „Zwei Wochen, um die Ausbreitung einzudämmen.“ Seither ist die übertriebene Vorsicht gegenüber dem Unbekannten einer anhaltenden Warnung vor dem Altbekannten gewichen. Die »Covid-Pandemie«, wie man die Entwicklungen in diesem Zeitraum schnell taufte, sei heute aber schlimmer denn je. Und die Menschen müssen mehr und mehr ihrer Rechte für das Gemeinwohl aufgeben. Aber wer empfindet dieses angebliche Wohl denn überhaupt noch?

Teile und herrsche!

„Freiheit, das ist immer die Freiheit der Anderen.“ Rosa Luxemburgs Ausspruch mag in eine Zeit gefallen sein, als es tatsächlich noch die Linken waren, die ›Freiheit‹ in ihrem Repertoire der Argumente besaßen. Doch heute scheint sich der Satz ad absurdum geführt zu haben, in dem Sinne, dass Freiheit nie die eigene Freiheit ist. Wir werden dazu gezwungen, unsere Rechte für die Anderen aufzugeben. Diese und jene Personengruppe wird gegen den Einzelnen ausgespielt, bis dieser in der individuellen Bedeutungslosigkeit verstummt.

Nur so können argumentative Strukturen entstehen wie die Folgende: »Alte Menschen sind besonders gefährdet, deshalb müssen junge Menschen Abstriche machen, um sie zu schützen.« Oder: »Die Geimpften müssen auf Rechte verzichten, weil die Ungeimpften die Pandemie am Laufen halten.« Wir kennen die Blaupause dieser Ansätze. Es ist die gleiche spalterische Strategie, mit der man zuvor Frauen gegen Männer, den Osten gegen den Westen Deutschlands und Arme gegen Reiche ausgespielt hat.

Teile die Bevölkerung oft genug in zwei beliebige Gruppen auf, die scheinbar verfeindet sein sollten, und kurioserweise baust Du Stück für Stück alles Besondere und Individuelle in ihr ab. Am Ende des Prozesses steht irgendwann eine homogene Masse völlig gewöhnlicher Leute, die an nichts und niemanden mehr glauben, nur noch an den Staat. Wir müssen durchschauen, wie wir in vermeintlichen Kämpfen für Gerechtigkeit und Gleichheit eigentlich bloß Freiheit einbüßen.

Dieser Vorgang findet so inkrementell statt, dass jeder einzelne Schritt für sich kaum erschreckt. Und dennoch so schnell, dass wir innerhalb von zwei Jahren aus freien Bürgern willenloses Besitztum des Staates machen konnten. Äußere Einflüsse mögen dies begünstigt haben, doch es ist immer auch ein Wechselspiel von Gelegenheit und Opportunismus, das die öffentliche Wahrnehmung bestimmt. Eine überdurchschnittliche Grippewelle konnte in der Vergangenheit beinahe völlig ignoriert werden; da ist es ein weiter Sprung zur absoluten Hysterie heute.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Ein kurioses Phänomen entdeckte ich vor wenigen Tagen, als die Startseite der FAZ titelte: »Sie nennen es Freiheit.« In dem Artikel versucht sich Julia Encke an einem Verriss zweier Figuren, die lange Zeit für helle Lichter am Firmament der Linken gehalten wurden. Die Philosophen Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler werden darin auf ›Impfskeptiker‹ reduziert, weil sie für das freiheitliche Recht argumentieren, sich nicht impfen lassen zu müssen.

Abgesehen von der seit zwei Wochen anhaltenden Medienkampagne für die Impfpflicht, handelt es sich dabei allerdings unglaublicherweise um geltendes deusches Recht und bis vor zwei Wochen auch um eine Mehrheitsmeinung. Demgegenüber völlig ignorant zieht Encke über die beiden Ex-Lieblinge der progressiven Halb-Intellektuellen-Schicht daher, als seien sie gemeingefährliche Agitatoren.

Dabei hat sie es wohl darauf abgesehen, die »immer neuen Wendungen« mit denen Precht und Flaßpöhler »die selbst gewählte Unfreiheit […] beschwören« als Hirngespinste darzustellen. Es entbehrt aber nicht einer gewissen Ironie, dass sie sich hierbei selbst entblößt. Tatsächlich ist nichts falsch daran, originelle Gedanken auf kreative Weise zu formulieren. Es sollte vielmehr eine Mindestanforderung dafür sein, dass einem irgendjemand Gehör schenkt.

Frau Encke scheint mit dem Begriff Originalität jedoch so wenig zu tun zu haben, wie mit dem der Freiheit, wenn sich ihr gesamter Artikel damit auseinandersetzt, warum die Gedanken Anderer es nicht verdienen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wozu hat man sich denn als Gesellschaft diese Philosophen zugelegt, wenn man sie sofort aktiv ignoriert, sobald sie einem widersprechen? Doch auch das Mitleid mit ihnen hält sich in Grenzen, sind es doch jene Gestalten, die den hegemonialen Kräften bisher stets nach dem Mund redeten, sodass man sagen könnte, die Revolution frisst hier nur ihre Kinder. Geschieht ihnen Precht.

»Wähl’ mich, denn ich quäl’ dich!«

Nach der Wahl ist ja bekanntlich vor der Wahl, aber dennoch scheint es stets eine neue Überraschung darüber zu geben, dass Politiker durch dieses Ereignis regelmäßig einen fundamentalen Charakterwechsel erfahren. Der künftige Kanzler Scholz sagte vor einer Weile noch, eine Impfpflicht werde es nicht geben. Jetzt handelt er diese Frage aber plötzlich, als sei diese bereits eingeführt, mit seinem Segen.

Selbiges vernimmt man von fast allen üblichen Verdächtigen, denn »man lernt ja dazu«, soll heißen, man hat keine Prinzipien und sagt, was gerade opportun ist. Es ist mittlerweile Konsens, dass praktisch jedes Individualrecht mit diffusen Argumenten von einer Pandemie ausgesetzt werden kann, dass die Regierung nie schuld ist, sondern immer nur ihre Kritiker, dass Pharmazieunternehmen die neuen Heilsbringer sind und ihr Impfstoff sehr gut wirkt – besonders der ›Booster‹-Shot. Es ist zu spät für Diskussionen, jetzt wird durchgeimpft, durchregiert, mit starker Hand geführt. Spürst du, wie die Demokratie hier gelebt wird?

Ach, ich erinnere mich an die Jahre, in denen wir Rechtspopulisten vorwarfen, sie würden Wähler mit Angst ködern. Wie befreiend es sich anfühlt, endlich nur noch eines fürchten zu müssen, die allmächtige Pandemie, die uns quasi durch den verlängerten Arm unserer strikt wissenschaftshörigen Re(a)gierenden bestimmt. Endlich gibt es keine zwei Meinungen mehr, nur noch das Virus und sein Gesetz. Ich fühle mich warm, geborgen…

»Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr.«

Merkel bekommt noch ein letztes Wunschkonzert und wünscht sich einige kontroverse Lieder. Dass sie sich unter anderem für Nina Hagen entschieden hat, gibt dem perversen Politiker-Gossip, der in diesem Land zelebriert wird, ein bisschen Gesprächsstoff. Dass auch ein DDR-Lied im Gespräch ist, darüber kann man sentimental hinwegsehen. Doch vor allem wollen wir sie ja noch einmal feiern, unsere fehlerfreie und großartige Kanzlern, in deren Deutschland man heute gut und gerne überleben kann.

Und so können wir in guter, deutscher Tradition in den Dingen schwelgen, die heute viel schlimmer wären ohne unsere ›Mutti‹, anstelle an all das zu denken, dass wir vor zehn Jahren noch eine Katastrophe genannt hätten, wäre es uns prophezeit worden. In diesem Sinne war ja nicht alles schlecht. Und doch hätte ich mir ein anderes Lied für Merkel gewünscht. Vielleicht »Highway To Hell«? Glück auf.

Till Nordbruch
Herausgeber des Philosophie Journals

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