Es ist Krieg – und alle wollen hin.

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An manchen Tagen geziemt es sich, einen Augenblick innezuhalten und die jüngsten Ereignisse auf sich wirken zu lassen. Der Tag, an dem Russland die Ukraine militärisch attackierte, war ein solcher Tag. Es ist unmöglich, mit der herrscherlichen Urteilskraft des kühnen Nachrichtenlesers auf einen Krieg genauso reflexartig zu reagieren wie auf den Ehestreit eines Harald Glöcklers. Vielmehr muss einem erst allmählich gewahr werden, wie viele Millionen Leben zwangsweise in den kommenden Wochen und Monaten, vielleicht Jahren, zerstört sein werden.

Und daher brauchen wir mehr denn je Abstand. Doch dies ist offensichtlich Träumerei, denn was wir natürlich stattdessen bekommen, ist ein akzelerationistischer, 2,5-fach beschleunigter Medialorgasmus der Kurzschlussreaktionen. Nachdem uns die linke Establishment-Kaste jahrelang die Schuld unseres Ur-Rassismus predigte, müssen plötzlich Millionen von Russen für die Taten ihres Staatsoberhaupts haften. 

Die wirtschaftlichen Sanktionen richten sich hauptsächlich gegen das russische Volk, die Wirksamkeit scheint daher fragwürdig. Man könnte sogar meinen, die westliche Behandlung der Russen werde diese eher Putin in die Arme treiben als ein Umdenken einzuleiten. Wer mich bestraft, der muss mein Feind sein – dieser Gedanke scheint naheliegend. Unschuldige Russen werden ihn vermutlich häufiger denken als das Gegenteil: Wer mich bestraft, hat bestimmt gute Gründe.

Die Absichten der westlichen Unternehmen, die nun in einem konzertierten Höhepunkt der Cancel-Culture ein ganzes Land abschreiben, sind vermutlich so transparent wie sie scheinen: Es drohen Kontroversen und Sanktionen, sollten sie sich nicht einreihen. Es existieren auch ganz pragmatische Liefer- und Versicherungskalkulationen, die ein Einstellen der unternehmerischen Tätigkeiten in Russland derzeit nahelegen.

Die Absichten der westlichen Staaten hingegen weisen einen doppelten Boden auf: Unter dem Vorwand, den Krieg beenden zu wollen, mischen sich die NATO, die EU und die USA in einen internationalen Konflikt ein. Mit beinahe unumkehrbaren Entscheidungen führen sie eine weitere Eskalation herbei. Innerhalb von wenigen Tagen wird ein so tiefer kultureller und politischer Spalt durch die einst gepredigte globale Gesellschaft gezogen, dass eine Rückgängigmachung bereits unmöglich scheint.

Welchen Effekt soll es denn zum Beispiel haben, dass man russische und belarussische Wissenschaftler von deutschen Universitäten ausschließt? Welchen, dass man russische Medien schlicht verbietet, während man die Pressefreiheit als leere Worthülse enttarnt? Wie soll die Wirkung eines Ausschlusses russischer Sportler von den Paralympics aussehen? Ist Russland das tatsächliche Opfer dieses Krieges? Nein, aber wir scheinen alles daran zu legen, dies in den Augen der Russen so aussehen zu lassen.

Die einfachste Erklärung ist häufig die Richtige: Wenn alle Taten des Westens auf einen Weltkrieg hinauszulaufen scheinen, dann ist dies womöglich beabsichtigt. Wie kann man sonst erklären, dass augenblicklich 100 Milliarden deutsche Euros für die Bundeswehr locker gemacht werden? Wie kann man erklären, dass die EU einen Beitritt der Ukraine „prüft“, wenn der einzige diplomatisch richtige Schritt heute eine sofortige Ablehnung des Antrags sein müsste? Wie kann man erklären, dass die ganze Welt sich einmischt, wenn zwei Länder in den Krieg ziehen?

Und selbstverständlich lügt Putin, wenn er von einer Denazifizierung als angeblichem Grund des Angriffs spricht. Doch auch Selenskyj lügt, wenn er einen Brand bei einem Atomreaktor als potenziell sechsmal schlimmer als Tschernobyl bezeichnet – während Experten bereits entwarnen, der Reaktor sei ausreichend geschützt. Wir haben es schlicht mit dem Informationskrieg zu tun, der auf dem PJ bereits vergangenen Dezember angesprochen wurde. Die richtige Einstellung war es schon lange, doch wird sie nun immer dringlicher: Traue keinem Bericht. Es gibt keine guten Gründe für Krieg, es gibt nur Ursachen und Vorwände.

Till Nordbruch
Herausgeber des Philosophie Journals

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