Amerika, wieso hast du so große Zähne?

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Die Amerikaner sind in den letzten Jahren nicht für ihre Gemütsruhe und ihre Verträglichkeit bekannt gewesen, aber das gewaltsame Eindringen in das Kapitolgebäude in Washington D. C. stellt gewiss eine neue Steigerung des politischen Konflikts dar. Aus einer gigantischen Demonstration von Trump-Anhängern speiste sich allem Anschein nach ein Mob, der es sich zum Ziel setzte, die Wahlzertifizierung zu verhindern. Ersten Berichten zufolge kamen bis zu vier Privatpersonen ums Leben. Und damit ist die Sache noch glimpflich ausgegangen.

Nun ist die besagte Steigerung des Konflikts lediglich eine auf symbolischer Ebene, denn gewaltsame Auseinandersetzungen, Angriffe auf Regierungsgebäude und politische Tötungen sahen wir seitens der ›Black Lives Matter‹-Bewegung und Antifa bereits zu Genüge. Doch viele in Deutschland wollten oder konnten es nicht sehen. Dafür waren sie bereits traumatisiert, als hier einige Querulanten den ›Reichstag stürmten‹ oder genauer – einige Stufen der Treppe davor, bevor eine Handvoll Helden sie aufhielt. Und ein Auto, das sanft den Zaun des Kanzleramts tangierte, war ein wirklich unfassbarer Skandal. Was soll dieses nervöse Volk nun denken, wenn die Amis sogar durch die Türe gekommen sind?

Auch geht man hierzulande mindestens so sehr davon aus, dass es bei den Wahlergebnissen diesmal nichts zu bemängeln gegeben habe, wie man sich vor vier Jahren sicher gewesen war, dass Russland sich eingemischt hatte. Und so können die Deutschen nur verwirrt und überrascht den Kopf schütteln, über die scheinbar völlig willkürliche Wut der Trump-Seite.

So schenkten die Rechten den Linken die letzte verbliebene Mitte. Denn Befürworter der Demokratie können einen Angriff auf die demokratischen Prozesse nicht gutheißen, wenn sie ihn zu Gesicht bekommen. Und diesmal bekommen sie ihn zu Gesicht. Kein Sender und keine Zeitung wird es sich entgehen lassen, monatelang auf diese Ereignisse zu verweisen, davon zu zehren. Es wird „ihre Butter und ihr Brot“ sein, wie die Amerikaner sagen würden, nun, da Trump nur noch in der Vergangenheitsform wirklich relevant scheint und der empörte ›Berichterstatter‹ Gefahr läuft, in Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Und ja, es ist eine gewaltige Grenzüberschreitung. Und man kann Bedauern aufbringen, aber nicht überrascht sein, dass es zu Toten kam. Doch die Antwort auf die Frage, wieso diese aufrührerischen Ereignisse sich in der westlichen Welt häufen, kann man nicht finden, wenn man starr Partei ergreift und den politischen Gegner als unerklärlich Böse darstellt. Damit geht man dem Irrtum auf den Leim, dass man a) über alle relevanten Informationen verfügt und b) alle Ansichten der Anderen fehlerhaft sind. Anders gesagt: Wenn wir die eigene Meinung zum Fakt verklären, aus Bequemlichkeit und einem moralischen Überlegenheitsgefühl heraus, dann werden wir nie neue Erkenntnisse erlangen, sondern stets nur in unseren Überzeugungen bestätigt werden. Und das hieße in diesem Fall für viele anzunehmen, dass über siebzig Millionen Amerikaner einfach nur dumm oder böse sind und ihre eigenen Interessen nicht kennen.

Damit geht man aus hegemonialer Ignoranz gänzlich über die Tatsache hinweg, dass jede gesellschaftliche Spaltung zwei Seiten braucht, dass grundlegende Einverständnisse aufgekündigt werden und eben diese absolute Verurteilung des Gegners zu ihr beiträgt. Die Stürmung des Kapitols war unzivilisiert, sie war nicht hilfreich, sie war gefährlich und sie war undemokratisch. Ich habe kein Interesse, sie zu rechtfertigen, ich verurteile sie.

Aber diejenigen, die sie ausführten, sahen sich im Recht – diesen Umstand gilt es doch zu erklären, sonst wird sich nichts ändern. Die Trump-Anhänger, die den Democrats zutrauen, eine ganze Wahl zu fälschen, und den Medien, sie andauernd zu belügen, haben jegliches Vertrauen in die Institutionen verloren. Dieses wird man ebenso wenig wiederherstellen, indem man alle Rechten zu Nazis erklärt, wie man Alex Jones zu einem faktenverpflichteten Langweiler machte, als man ihn aus den sozialen Medien verbannte.

Manche Probleme kann man eben nur temporär unterdrücken, dann wachsen sie zur Unlösbarkeit heran. Die bequemen und ignoranten Gesten der Politiker, meist von der globalistischen Linken, haben Trump und seine loyale Gefolgschaft herangezüchtet. Die abfällige und fertigkostartige ›Berichterstattung‹ der Medien hat die Suche nach alternativen Narrativen angeheizt und zwielichtige Gestalten, wie etwa ›Q‹, haben die Heimatlosen mit offenen Armen empfangen. Nun, da wir den Salat ein für alle Mal haben, regt man sich über das Dressing auf – aber wer war der Koch?

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