Die Gunst des Pöbels zum Brotberuf

Richard David Precht
Richard David Precht – Foire du livre de Francfort 2017 (Ji-Elle)

Richard David Precht

Vom Weisen in der Tonne zu tonnenweise Schotter: Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich auch in der Berufsphilosophie weit, was wohl für die Frisur von Richard David Precht eine weitere Bedeutungsebene auftut. Kein anderer Philosoph erfreut sich in Deutschland vergleichbarer Popularität – und nutzt diese freiwillig um mit Karl Lauterbach einen Kaffee zu trinken.

FAZ-Wirtschaftsredakteur Sebastian Balzter diagnostiziert: Precht sei »[m]it einfachen Weisheiten […] zum Millionär geworden«.1 Zu seinem großen Durchbruch verhalf ihm Elke Heidenreich mit der Empfehlung des Buches Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? (2008). – »Zu viele«, weiß man inzwischen die Antwort darauf.

Seither veröffentlichte Richard David Precht zahlreiche Bücher, zu deren Verdiensten unter anderem die verklärende Romantisierung der Philosophiegeschichte ebenso gehört wie die absolute Entromantisierung der Liebe: Ein unordentliches Gefühl (2009). Einladungen in zahlreiche Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen folgten, ebenso wie die eigene Talkshow Precht im ZDF.

Im Polit-Pop-Bingo hakte er dabei stets zuverlässig die üblichen Verdächtigen mit seiner Agenda ab: »Unsere ungerechte Gesellschaft« hat »Angst vor dem Fremden« und »Verschwörungstheorien«, aber »Wie aktuell ist Marx« eigentlich? Jedenfalls »frisst der Kapitalismus die Demokratie«, weshalb wir ein »Grundeinkommen jetzt« brauchen, aber »Ist die Erde noch zu retten?« Eine »Revolution für das Klima« drängt; und so weiter…

Bei all diesen Zitaten handelt es sich um Sendungstitel der Talkshow Precht.2

Ist Richard David Precht ein tiefsinniger Denker, der unsere öffentlichen Debatten sanft in die Zukunft geleitet? Oder ist er nicht vielmehr ein oberflächlicher Sophist, der die öffentliche Debatte mit dem sanften Geplätscher der pseudointellektuellen Rede begleitet?

Der Beruf des Philosophen hat keine vorgeschriebenen Bahnen, die meisten ›Karrierepfade‹ für ihn sind neue Erfindungen und wenn der Kapitalismus Kritik verdient, dann insofern er es schwer macht, mit dem gründlichen Denken, dem bedächtigen Sprechen und der ausführlichen Form seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Kapitalismuskritiker Precht jedoch hat die Formel entdeckt, mit der man es tatsächlich nach dem Studium (und einem Jahr Arbeitslosengeld) zum Reichtum bringt:

Man befindet sich ganz einfach stets auf Seite der Mehrheit und der Kaufkraft in allen Fragen, dann konsumieren die Leute alles, denn sie wollen nicht neue Ideen hören, sondern die eigenen im seidenen Gewand.

So machte Richard David Precht die Gunst des Pöbels zum Brotberuf. Es ist wohl ein spezifisch deutsches Phänomen, dass jede Wissenschaft in die flache Sphäre der vulgären Halbbildung gezwängt werden muss und nun ›feministische‹ Frauen mittleren Alters für einen weiteren smarten Mann schmachten. Ein schwacher Drost… äh Trost. Nun können die einfachsten Leute auf der Straße sagen: »Nicht nur ich meine das, auch der Precht gibt mir Recht«. Dann ist ja alles gut.

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1 Kommentar

  1. Das klingt etwas nach Neid,Mich hat er angeregt, mich mit Philosophie zu beschäftigen,Höre mir gleich wieder Herrn Hoyningen an,und das mit zunehmender Begeisterung,Hr.Precht hat zu den Themen welche mich gerade fesseln, soweit mir bekannt, kaum Äusserungen gemacht….gut Talkshows sind nicht so meine Favoriten,aber manchmal sind Ärgernisse auch Anregungen.
    Schönen Tag noch
    Hinsch

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