Die ›Pandemokratie‹ und das deutsche Stockholm-Syndrom

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Der Begriff ›Pandemie‹ leitet sich aus den altgriechischen Wörtern für ›allumfassend‹ (pan) und ›Volk‹ (dēmos) ab. Damit ist es nicht nur sprachlich mit dem Pantheismus verwandt, der in aller Natur das Wirken Gottes sieht. Auch die Reaktion des modernen Menschen auf das neuartige Corona-Virus ist eine religiöse Unterwerfung.

Viele Europäer haben sich im 21. Jahrhundert der Aufgabe verschrieben, den Einfluss des Menschen auf die Natur rückgängig zu machen. Impliziert ist dabei jedoch stets die anthropozentrische Annahme, dass alle irdischen Entwicklungen mittlerweile durch ihn erst verschuldet sind. Der menschengemachte Klimawandel müsse aufgehalten, das Artensterben verhindert und neue Wälder gepflanzt werden. Die Natur ist für den durchschnittlichen Europäer lediglich noch ein Spiegel seiner selbst.

Es überrascht daher wenig, wenn auch die Ausbreitung eines neuen Coronavirus nur als notwendige Konsequenz des hedonistischen Konsums gewertet wird. Doch als vernünftige Reaktion sieht man die Askese an, sei es durch den Verzicht auf ein Auto, bestimmte Lebensmittel – Stichwort Veganismus – oder eben gleich das gesamte gesellschaftliche Leben. Die Seuche als Strafe des natürlichen Allgottes weckt verloren geglaubte okkulte Wesenszüge in den gottlosen Nihilisten der Neuzeit. Das ist alles andere als vernünftig.

Wie die Etymologie des Wortes bereits verrät, scheint die Pandemie allgegenwärtig. Die Politik sieht sich also auch verleitet, mit ihren Maßnahmen in alle Lebensbereiche vorzudringen, die bisher ›privat‹ oder unantastbar gewähnt wurden. Die daraus resultierte ›Pandemokratie‹ entmachtet den dēmos allerdings effektiv, unter dem Vorwand, ihn vor sich selbst zu beschützen. Das Virus regiere nun, die Regierung werde zu all ihren Beschlüssen von ihm gezwungen. Und im Kleingedruckten erklärt sie sich damit als unfehlbar und alternativlos.

Grundrechte sind in Krisenzeiten doch nur unliebsame Hindernisse, die Gefahr abzuwenden. Jedenfalls in den Augen derer, die lediglich noch mit dem Angstzentrum ihres Stammhirns denken. Doch wer die größere Gefahr im Autoritarismus wittert, will das nicht hinnehmen. Es ist nämlich gut möglich, dass ein angstgetriebenes Volk sich zu sehr auf das akute Überleben fokussiert, als dass es langfristige Konsequenzen der politischen Reaktion richtig einschätzen könnte. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari deutete das an, als er sagte, man werde sich womöglich in 50 Jahren weniger an die Pandemie zurückerinnern als an den Anfang der totalen Überwachung.

Wenn aber ein Menschenleben auch den Posthumanisten angeblich unendlich viel Wert sei, dann sind eben auch alle Mittel recht, um es zu retten. Andernfalls mache man sich doch zum Komplizen des fatalen Schicksals, das diese nicht länger akzeptieren können. Die medizinische Unsterblichkeit scheint mittlerweile angesichts 3D-gedruckter Organe und hochtechnologisierter Ambulanzen zum Greifen nahe. Wer will auf den letzten Metern noch von den lästigen Naturgewalten ins Straucheln gebracht werden? Mit messianischer Gewissheit will der moderne Mensch es eben gerade noch lange genug aushalten, bis zu seiner ewigen irdischen Freiheit.

Doch die Menschen sterben noch – und nun müssen sie es alleine, wegen des Besuchsverbots in den Krankenhäusern Europas. Den Todgeweihten bloß nicht zu nahe kommen. Was wir nicht alles dem eigenen Leibe opfern… (solange es keine Tierprodukte sind). Die Lebenserwartung ist das Maß der Dinge. Doch schon Heidegger meinte, man könne nicht einen Greis gegen ein Kleinkind aufwiegen, denn beide könnten noch lange leben oder morgen schon dahingerafft werden. Ach, unsere Wissenschaft weiß es doch besser jetzt!

Die Berechenbarkeit des Menschen als Summe aller Vitalfunktionen bestimmt unsere Wertschätzung. Zugleich müsse man die Alten notfalls auch auf Kosten der Jungen retten. Vereinbaren lässt sich beides nur durch die Annahme, dass es einen natürlichen Tod gebe, dem das Virus zuvorkommen wolle. Der Mensch als Schuldiger habe die Pflicht, diesen ›unnatürlichen Virustod‹ zu verhindern. Das eigene Leben dürfe er ja noch riskieren, das der Anderen jedoch nicht.

Es ist eine grundsätzlich neue Auffassung, der Infektionsträger trage auch die Schuld an den Folgen seiner Krankheit. Ist er doch selbst erst Opfer seiner Ansteckung. Doch wieder ist es das anthropozentrische Machtgefühl, das die gesamte Welt in die Verantwortung der einen auserwählten Spezies legt. Gewiss handelt es sich hierbei um eine Begleiterscheinung der Postmoderne, denn viele Perspektiven mag es geben, aber es bleiben doch stets jene der Menschen.

Es kommt einer Erlösung gleich, wenn das Individuum sich nun von den eigenen Interessen befreien soll, um der Gemeinschaft zu dienen. In der Gesamtmenge der Menschheit wird es praktisch unsichtbar und damit trägt es auch keine Verantwortung mehr. Im öffentlichen Diskurs wird ebendies gerade durch Umkehrung der Argumentation verfälscht: Jeder Einzelne trage die Verantwortung für die Gesundheit der Anderen. Den Umgang mit der eigenen Gesundheit darf man aber nicht mehr selbst verantworten! Somit wird der Mensch nur noch wirklich in die Verantwortung genommen, wenn er aus der Reihe tanzt, die kollektiven Handlungen nicht mitträgt.

Gott, vergib mir, denn ich habe gesündigt. Ich aß Fleisch und fuhr einen Pkw. Ich verließ das Haus ohne Maske und schüttelte einem Fremden die Hand. Nun kann nur die Selbstlosigkeit mich noch retten.

Den eigenen Willen aufzugeben, ist postmodern – womit der ursprünglichste Beweis genannt wäre, weshalb Nietzsche nur fälschlicherweise dieser Strömung zugeordnet wird. Der Bürger ist nicht mehr Teil des mächtigen Volkes, sondern des ohnmächtigen Regierungsgegenstands. Wer sich unterwirft, der kann es guten Gewissens tun – wer nicht, gehört als Gefahrenpotenzial ausgestoßen. Der Monolith formt sich und ruft einstimmig: Wir verdienen die Freiheit nicht, denn wir missbrauchen sie!

Nach dem Sprichwort, „die Hand, die einen füttert, beißt man nicht“, werden wir handzahm und sind unseren Pflegern noch dankbar, ohne zu erkennen, dass sie uns in das Gehege sperrten.

Eine Regierung kann nur jubeln bei solch geringem Widerstand. Und sie tut es, in Form von ungehemmten Einschränkungen und Machtdemonstrationen. Sie entführt das Volk an einen Ort im (zeitlichen) Jenseits und schafft es dabei sogar erstaunlicherweise, gegen den Hedonismus anzukommen. „Nur noch eine Kraftanstrengung, dann seid ihr wieder frei!“ Und das Volk liebt es, denn es hat Stockholm-Syndrom.

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