Epistemologische Paradigmenwechsel im Medium

Im SPIEGEL wollen wir eine Projektion der Wirklichkeit vorfinden, lesen jedoch viel häufiger Texte, die versuchen, vom Blatt in die Welt zu springen. Die Moralisierung des Wissens war seit jeher ein intuitiver Reflex menschlicher Unvernunft. Heute definiert er zu großen Teilen, was wahr sein darf oder falsch sein muss.

Erkenntnistheoretische Annahmen sind Glaubenssätze über die richtige Methode, Wissen zu ermitteln. In der streng rationalistischen zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwa, war in Deutschland ein solcher der Positivismus: Wahre Aussagen ließen sich nur dort treffen, wo man die Evidenz in Phänomenen beobachten konnte. Unter diesen Bedingungen war die einzige Aufgabe der Wissenschaft das Beschreiben der Wirklichkeit. Spekulative Rückschlüsse auf deren verborgene Ursprünge galten als illegitim.

Dieses Dogma wurde in der Geisteswissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts von konträren Strömungen abgelöst, deren Vertreter, unter ihnen Wilhelm Dilthey und Ernst Mach, darauf hinwiesen, die menschliche Vernunft könne nicht der Wirklichkeit als neutraler Forscher gegenübergestellt werden, denn sie entspringe selbst aus der Natur, deren Gesetze sie abzuleiten versuche. In der Folge galt die subjektive Intuition zunehmend als legitimeres Mittel, wenigstens in der Geisteswissenschaft, um sich seinem Gegenstand zu widmen. Eindrücke, Wirkungen und Gefühle, die ein literarischer Text auslöste, wurden wichtiger als philologische Zweckmäßigkeit und historische Einordnung.

Im 21. Jahrhundert hält diese Tendenz an, wird durch den Postmodernismus allerdings noch ein weiteres Stück der Wirklichkeit entrückt. Die Wissenschaft wendet sich nun gegen das, was sich wohl die ›narrative Vernunft‹ nennen lässt: Vieles, wenn nicht alles, was bisher für wahr genommen wurde – wahrgenommen! –, sei verdächtig, da es unter dem verfälschenden bzw. voreingenommenen Gesichtspunkt herrschender Machtverhältnisse untersucht worden sei. Die Begründer der Kritischen Theorie, allen voran Adorno und Horkheimer tun daher sicherlich, was auch immer das Gegenteil von ›sich im Grab umdrehen‹ ist – denn der überwiegende Ansatz der heutigen Geisteswissenschaften ist die dekonstruktive Interpretation der Wirklichkeit. Das Subjekt ist der Interpret, sein Urteil aber relativ.

Einige Beispiele: Germanistikstudenten widmen sich Nietzsches Also sprach Zarathustra. Die Dozentin fragt: »Was glauben Sie, will uns der Autor hiermit sagen?« Eine Studentin meldet sich: »Ich finde, das könnte ironisch gemeint sein.« – Ein Psychologe zum Patienten: »Wenn Sie sagen, Sie fühlen sich merkwürdig unter Leuten, was bedeutet dieses Wort für Sie? Ich hatte einmal einen Patienten, der fand jeden merkwürdig, der nicht rechnen konnte.« Patient: »Naja, eben eine Andersartigkeit…« Psychologe: »Nun, versuchen Sie, dies als etwas Gutes zu sehen.« – Bei Historikern: Die Gewinner schreiben die Geschichte.

Nun verhält es sich so, dass die Berufsgruppe der Journalisten disproportional zur Bevölkerung aus akademischen Kreisen in die Redaktionen strömt. In ihrer Ausbildung geht es früh mit Marx los, der überraschend unkritisch behandelt wird, und geht dann weiter mit dem Perspektivismus. »Schauen Sie, diese Metallkonstruktion hier macht nur Sinn, wenn man ihr leicht von der Seite begegnet. Der Künstler könnte damit andeuten, dass alles von dem eigenen Standpunkt abhängt.«

Diese Anekdote aus einer Einführungsveranstaltung der Medienkulturwissenschaft geht weiter mit dem Aufruf, sich nun in Gruppen zusammenzufinden, um dies zu diskutieren und sich auf eine gemeinsame Einschätzung zu einigen. Der folgende Verlauf ist unklar, denn der Autor wurde, nachdem er sich weigerte, gebeten, den Lesesaal zu verlassen – was er erleichtert tat.

All dies sei gesagt, um auf eine äußerst bedenkliche Entwicklung hinzuweisen, einen epistemologischen Paradigmenwechsel, den wir in unsere Medien schleusen. Unsere Medien, die wir zurate ziehen, um mehr über die Welt zu erfahren. Bei diesen Medien arbeiten mittlerweile überwiegend Menschen, die stromlinienförmig denken und nicht einmal an die Möglichkeit eines sachlichen Berichts mehr glauben. Ganz erreichen kann man den Anspruch zwar sicher nicht, aber man sollte es dennoch versuchen.

Stattdessen sehen sich mehr und mehr Journalisten zur pädagogischen ›Haltung‹ verpflichtet. Schließlich seien manche Sachverhalte eben gefährlich, denn sie könnten aus einer gewissen Perspektive die ›falsche‹ Interpretation zulassen. Ihre Aufgabe sei es also, die Interpretation vorwegzunehmen, die Dinge ›einzuordnen‹. Der Leser erfährt also immer weniger als die Journalisten und, obendrein noch, wie er sich dazu verhalten soll. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Schreiberlinge so unbewusst zu dem werden, was sie zu bekämpfen glauben: Narrative Ordnungsrichter über die Wahrheit und wie sie zu bewerten sei.

Doch die Wahrheit ist mehr als eine nette Erzählung. Sie sträubt sich in ihrem ganzen Wesen gegen homogene Formen und auch die zuverlässigste Studie kann nicht von sich behaupten, Beweis für die Richtigkeit der Schlüsse zu sein, die man aus ihr zieht. Daher sollte man seinen Lesern häufiger das Urteil selbst überlassen; denn Schulkinder kann man uniformieren, aber Erwachsenen sollte man mit Information begegnen, nicht in Formation.

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