Kulturrelativismus: Falsche Scheu vor dem moralischen Urteil?

Foto: Daniel Gregoire
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Einleitung und Aktualität der Frage

In der Anthropologie offenbarte sich in einem Streit zwischen Anhängern Derek Freemans und der Ethnologin Margaret Mead 1978 eine erbitterte Grundsatzdebatte. Freeman warf Mead vor, bei ihren Forschungen zu Kulturen in Samoa zu ideologisch verfälschten Ergebnissen gekommen zu sein, da viele Einheimische ihren Schriften vehement widersprachen. Auch hätten Samoaner ihr als Amerikanerin keine authentischen Antworten gegeben. Seine Autorität in dieser Frage bezog er aus eigenen Studien über vierzig Jahre hinweg, die einschlossen, dass er gar zum Häuptling eines Dorfes ernannt wurde.

Was war nun der ideologische Streitpunkt, der sich in dieser Debatte lediglich in einer Form von vielen manifestierte? Margaret Mead war eine Schülerin Franz Boas’ und ebenso wie er eine Vertreterin des Kulturrelativismus. Dabei ist der grundlegende Gedanke, dass jede Kultur für sich eine Legitimation besitze, die ihr aus einer anderen Kultur heraus nicht abgesprochen werden könne. Er hat somit zur Wesenseigenschaft, auch die Moral als primär soziales Konstrukt zu relativieren. Eine große Motivation für Meads Forschungen war ganz in diesem Sinne, den Erbdeterminismus und universalistische Gültigkeitsbehauptungen im Bezug auf kulturelle Werte und Wendungen infrage zu stellen.

Ihre Ergebnisse ernteten unter anderem den Vorwurf, Mead habe gewalttätige kulturelle Elemente der Arapesh ignoriert und eine paradiesische Fiktion erschaffen. Wieso aber sollte man ausgehend von der Prämisse, Menschen seien mehr von ihrer Kultur als von ihrer Natur geprägt, solch negative Aspekte vorenthalten? Letztlich wären diese ja nur negativ aus der Sicht einer Kultur heraus. Stattdessen müssen wohl Meads eigene kulturelle Normen in ihr ein (unterbewusstes) Verantwortungsgefühl ausgelöst haben, die Realität der Arapesh ins Positive zu verzerren. Geht man zu weit, wenn man ihr unterstellt, dass sie insgeheim dieses Volk doch kritischer sah, als der Kulturrelativismus zulässt?

Diese Gedanken bleiben Spekulation, eröffnen aber die Crux der Kulturdebatte einer näheren Betrachtung. Zum einen gibt es da jene Stimmen, die Kulturen bewerten wollen; zum anderen solche, die sie für über jedes Urteil erhaben befinden. Auch unterstellen diese Parteien sich gegenseitig gerne, ihren Standpunkt eigentlich aus moralischen Implikationen heraus einzunehmen, nicht aus ehrlicher Überzeugung – also ganz, wie es in dem einführenden Fall zu beobachten war und ich im Folgenden zu tun gedenke. Auch heute stellt sich diese Frage, angesichts der brisanten und antagonistischen Konzepte des ‚Multikulturalismus‘ und der ‚Leitkultur‘ als gesellschaftliche Lebensentwürfe: Inwiefern kann und darf eine Kultur Anspruch darauf erheben, in eine andere einzugreifen oder sie auch bloß nach eigenen Maßstäben zu messen?

Die Ähnlichkeit der Menschen

Angemerkt sei, dass fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse sowie gesunder Menschenverstand mittlerweile keine Zweifel offen lassen, dass die Entwicklung eines Menschen durch sowohl genetische und biologisch-umweltliche, als auch durch sozio-kulturelle Faktoren signifikant beeinflusst wird. Die Debatte in dieser Hinsicht wird lediglich noch darüber geführt, welcher etwaige Anteil ihnen jeweils zukommt. Außerdem ist man sich uneins, welche Rolle die Umwelt bei der Entstehung und Veränderung unterschiedlicher Kulturen spielt. Von diesem Wissensstand muss kein Gegner oder Befürworter des Kulturrelativismus abweichen, um seine Theorie aufrecht zu erhalten – sie tun es jedoch vereinzelt.

Fest steht auch, dass sich die Menschen – bei aller Vielfalt – zum Zeitpunkt ihrer Geburt ähnlicher sind, als sie sich unterscheiden, weshalb etwa adoptierte Kinder aus weit entfernten Ländern jede Kultur, in der sie aufwachsen, wie selbstverständlich annehmen können. Zu einem hohen Grad müssen sie also zu einer geteilten Wahrnehmung fähig sein, die ihnen prä-kulturelle Wesenszüge gibt. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass Kulturen von Menschen begründet wurden und nicht umgekehrt.

Die erste Kultur kam also erst nach den ersten Menschen und ging aus deren Wahrnehmung und den gezogenen Konsequenzen hervor. Dazu gehören fundamentale Menschlichkeiten wie Hunger, Durst und Schmerz, die es zu verhindern galt, sowie sexuelle Erregung, Empathie und Glück auf der anderen Seite, die man anstrebte. Selbst, wenn diese Empfindungen von Freude und Leid nicht schon immer universell gewesen sein sollten, so haben sie sich offensichtlich evolutionär als erfolgreichstes Antriebsmodell der Menschen durchgesetzt. Wer nichts gegen Hunger unternahm starb, wer nichts für seine Fortpflanzung tat starb aus.

Jene menschlichen Kulturen, die noch existieren, richten sich daher in ihrer Verschiedenheit dennoch nach diesen grundsätzlichen Bedürfnissen und versuchen sie über große Gruppen hinweg zu gewährleisten. Kulturen, die nicht so funktionierten, endeten als evolutionäre Sackgassen. Daher hat der Kulturrelativist Recht, wenn er alle Kulturen der Jetztzeit gewissermaßen als Erfolgsmodelle bezeichnet. Er irrt sich jedoch, wenn er glaubt, es könne keine besser als die andere bzw. länger erfolgreich sein.

Die moralische Einordnung kultureller Werte

Trotz aller Unschärfe erstreckt sich ein vulgärer Kulturbegriff wohl über weite Felder menschlichen Lebens, die sich in Kategorien moralischer Wertung unterteilen lassen. Dabei versteht sich, dass sich die Einordnung von Aspekten nach individuellem Ermessen vollzieht und aller Erkenntnis nach somit Varianz aufweist. Die Kategorien sind dabei aber die selben:

Konsequente Kulturrelativisten müssen sämtlichen Aspekten Gleich-Gültigkeit zusprechen. Ein Gefühl von Unbehagen angesichts dieser oder jener Praxis muss als eigene kulturelle Prägung rationalisiert werden. Doch auch Gegner dieser Theorie können Kulturen teilweise neutral gegenüberstehen. Dies gilt für Dinge, die sich zwar von der eigenen Kultur unterscheiden, man selbst vielleicht nicht praktiziert oder versteht, die aber gegen keine Maxime der eigenen Moral verstoßen.

Die anderen Wesenszüge von Kulturen, denen man nicht gleichgültig begegnet, werden somit positiv oder negativ beurteilt – ausschließlich relativ zur eigenen Kultur, würden Kulturrelativisten sagen. Die Alternative wäre eine absolute moralische Skala, doch woran ließe diese sich festmachen in der postmodernen Welt, in der alles relativ ist? Andererseits verhalten sich viele Kulturen so, als existiere sie. Mit vielen ‚westlichen‘ Gesetzen, insbesondere mit der Festlegung von Menschenrechten, werden universalistische Ansprüche erhoben. Wie ist das vereinbar?

Die Unmöglichkeit eines universellen Relativismus

Kann das selbe Regelwerk, das universalistische Menschenrechte postuliert, in diesem Akt zugleich kulturrelativistische Freiheiten garantieren? Sicherlich nicht uneingeschränkt, denn per definitionem muss das universelle Recht auf eine Freiheit so in Schranken gehalten werden, dass es nicht dasjenige eines Zweiten unmöglich macht. Karl Popper hat dieses Konzept als Paradoxon der Toleranz prominent vertreten. Toleranz aber wäre die zwingende Forderung einer jeden ‚gleichgültigen‘ Kultur gegenüber.

Die größte Kritik am Kulturrelativismus ist wohl dieselbe innere Widersprüchlichkeit: Wenn die Theorie zutrifft und jede Kultur ihre Legitimation aus sich selbst garantiert, wie kann dies für Kulturen gelten, die den Kulturrelativismus bzw. andere Kulturen ablehnen?

Fehlschluss der Grundannahme

Der Kulturrelativismus argumentiert hauptsächlich in zwei Schritten: (1.) Er erkennt, dass verschiedene Kulturen verschiedene Sitten und Werte hervorbringen. (2.) Er zieht den Schluss, dass daher alle Sitten und Werte in gleichem Maße berechtigt sind.

Hierbei handelt es sich jedoch um einen Fehlschluss. Die subjektive Wahrnehmung der Kulturen mag in gleichem Maße von der jeweiligen Richtigkeit eigener Sitten und Werte überzeugt sein, dennoch können diese Überzeugungen von verschiedener Qualität sein. Eine Kultur kann sich irren und das ist auch überprüfbar. Gegner des Kulturrelativismus führen gerne folgendes Beispiel ins Feld:

Denken wir uns zwei Parteien, die seit jeher eiserne Positionen zur Form der Erde vertreten. Partei A behauptet, die Erde sei ein Globus; Partei B hingegen glaubt, dass die Erde eine Scheibe sei. Nun dürfte der Kulturrelativist sich keine Einschätzung erlauben, welche Annahme besser sei, denn das wäre ja nur an seiner eigenen Realität orientiert, an seiner Kultur. Diese selbstverschriebene Hilflosigkeit in der qualitativen Bewertung hält ihn davon ab einzugestehen, dass Partei A beliebig lange in eine Richtung segeln könnte, ohne von der Erdscheibe zu fallen, während Partei B irgendwann den Globus umrundet haben würde und am Ausgangspunkt eintreffen würde. Position A ließe sich also bestätigen, Position B widerlegen.

Diese Erkenntnis wäre im übrigen nur unter höchster kognitiver Dissonanz durch Partei B zu leugnen. Wahrscheinlicher ist, dass eine Reflexion der eigenen Überzeugungen zum Ablegen dieser führen würde. Inwiefern ist nun aber eine Annahme über die materielle Welt vergleichbar mit der Qualität von Werten? Diese sind schließlich nicht überprüfbar.

Um den Kulturrelativismus zu widerlegen ist es überhaupt nicht nötig, Werte in der ‚objektiven Realität‘ zu verankern. Es genügt aufzuzeigen, wo Kulturen ihre Werte auf Annahmen begründen, die ihrerseits nicht über die Realität zutreffen. Wo Sitten und Werte lediglich praktiziert werden, um einen Zweck zu erfüllen, dieser Zweck aber nicht erfüllt wird, da verlieren diese ihre kulturinterne Legitimation. Eine Kultur, die weniger derlei sinnloser Konzepte besitzt, wäre hier demnach qualitativ überlegen, da sie sich selbst besser legitimieren kann. Dies ist kein rein pragmatisches Argument, das man als ‚kulturellen Maßstab‘ entkräften könnte, sondern betrifft die Kohärenz einer Kultur. Die menschliche Vernunft ist es also, die auch Kant gegen den Kulturrelativismus in Stellung brachte.

Ein Beispiel: Eine Kultur, die ‚Hexen‘ in dem festen Glauben verbrennt, diese seien bösartige Wesen mit übernatürlichen Kräften, wendet vermeintliches Übel ab. Es ist jedoch klar erkennbar, dass das besagte Übel nicht eintreten würde, selbst wenn man die ‚Hexe‘ nicht verbrannte. Dieser Akt ist also nicht nur aus Perspektive einer anderen Kultur sinnlos, er ist es auch kulturintern, da der Zweck nicht erfüllt wird, der diese Praxis überhaupt erst ‚nötig‘ machte.

Darüber hinaus lassen sich auch Praktiken finden, die womöglich ihren Zweck erfüllen, für die es jedoch effektivere bzw. harmlosere Alternativen gäbe. Damit sind solche gemeint, die bei gleicher Funktion weniger Leid bzw. mehr Freude erzeugen. Weil die Menschen sich in ihrer Natur ähnlich sind, haben sie auch weitgehend ähnliche Erfahrungen von Leid und Freude, könnte der Universalist sagen.

Versucht ein Kulturrelativist beispielsweise, körperliche Verstümmelungen junger Mädchen zu erklären, – also aus einem Nachvollziehen des Nutzens heraus dieses vermeintlich barbarische Phänomen dem Richtspruch des Universalisten zu entziehen – so führt er vielleicht an, dass das daraus folgende mangelnde Sexualinteresse von Frauen außereheliche Schwangerschaften reduziere.

Diese Rechtfertigung lässt sich jedoch damit kontern, dass ein Zweck zwar erfüllt wird, andere Wege aber zu gleichen oder höheren Zielen führen könnten, ohne menschliches Leiden in gleich großem Ausmaß zu vermehren. Der Gedanke an eine Kultur der sexuellen Verhütung drängt sich (aus moderner und westlicher Sicht) hier auf. Aus der kulturellen Formel könnte eine Variable entfernt werden und die Gegenüberstellung mit einer anderen wäre nicht länger eine Gleichung.

Das moralische Hemmnis

Den Vertretern des Kulturrelativismus kann wohl in nahezu allen Fällen dieser Vorwurf gemacht werden: Irgendwelche Sitten und Werte werden sie wohl zeitlebens verwerfen, überholen oder gänzlich ablehnen. Dabei tut es nichts zur Sache, ob die eigene oder eine fremde Kultur Objekt der Kritik ist. So berechtigt wie der aktuelle Zustand einer jeden anderen Kultur müsste auch die eigene zwangsläufig sein. Einer so grundsätzlich konservativen Anspruchshaltung können die Kulturrelativisten niemals gerecht werden. Ihre These ist damit zumindest menschenunmöglich.

Tatsächlich dient der Kulturrelativismus vielmehr als Argumentationsstrategie, um regelmäßig eine bestimmte Funktion zu erfüllen: Man führt ihn an, um fremde Kulturen vor Kritik in Schutz zu nehmen. Die Rationalisierung dieses Impulses scheint dabei häufig sekundär, weshalb mir folgende Behauptung gestattet sei: Meist sind Menschen Kulturrelativisten, um fremde Kulturen in Schutz zu nehmen; sie nehmen nicht fremde Kulturen in Schutz, weil sie Kulturrelativisten sind. Als Indiz sehe ich den Umstand, dass Kritik an der eigenen Kultur bei ganz anderen Stimmen solche Argumentationen hervorruft, weshalb es mir eher ein Abwehrmechanismus zu sein scheint, wo (noch) keine rationalen Argumente ausformuliert sind.

Woher stammt dieses moralische Hemmnis zu urteilen? Einen Beschützerinstinkt entwickelt man in der Regel doch für das Schwache, womit bereits eine Bewertung erfolgt wäre. Ebenso halte ich es gerade für paternalistisch, Eigenes und Fremdes mit zweierlei Maß zu messen, denn wieso sollte man selbst Kritik vertragen, die Anderen aber nicht? Diese sollte selbstverständlich wohlbegründet sein und aus gutem Verständnis hervorgehen.

Doch was, außer dem Wissen um die Schuld des eigenen Mandanten, bewirkt, dass man lieber eine Verhandlung manipuliert, anstatt die Beweisführung anzufechten? Der Kulturrelativismus hat es an sich, dass viele, die ihn bemühen, zugleich offenlegen, dass sie nichts gegen die konkrete Kritik einwenden können, sondern nur noch Kritik an sich aus einem bevormundenden Überlegenheitsgefühl heraus abblocken möchten.

Kritik fremder Kulturen entspringt zwar auch aus mancher Überzeugung von der eigenen kulturellen Überlegenheit, nur kann sie dabei im Gegensatz zum Kulturrelativismus zugleich implizieren, dass Veränderungen zum Guten möglich sind. Menschen, die fremde Kulturen praktizieren, werden so nicht von jeder Autonomie freigesprochen, sondern als ebenbürtig verstanden, weil man ihnen zutraut, mit Kritik umgehen zu können. Zumal diese nicht auf die Praktizierenden direkt abzielt, sondern durchaus in der Lage ist, deren Wahrnehmung zu berücksichtigen.

Ich bezweifle beispielsweise, dass allzu viele Opfer weiblicher Genitalverstümmelung es zu schätzen wissen, wenn man ihre Kultur in diesem Aspekt verteidigt. Vielmehr spricht man den einzelnen Menschen nicht die absolute Verantwortung für ihre Misere zu, sondern lediglich jene dafür, etwas dagegen zu unternehmen – womit man sie zugleich für dazu in der Lage erklärt und auf eine Minderung von Leid hinarbeitet.

Dennoch kann man vom Kulturrelativismus einiges lernen. So ist es auch für jeden tendenziellen Universalisten ratsam, die eigene Kultur nicht für selbstverständlich zu nehmen und daher nicht zu vorschnellen Verurteilungen fremder Kulturen oder gar ganzer Menschengruppen zu gelangen. Alle historischen, umweltlichen und sonstigen Faktoren liefern außerdem nachvollziehbare Erklärungen für die Verschiedenheit der Kulturen, die sicher nicht außer Acht gelassen werden sollten. Zudem sind unter ähnlichen Moralvorstellungen weiterhin gleich-gültige Variationen menschlichen Lebens vorstellbar, für die der Kulturrelativismus im Sinne eines Pluralismus vielleicht gelten mag.

Doch um mit einem moralischen Argument zu schließen: Man sollte bloß nicht die Ähnlichkeit der Menschen darüber vergessen und, dass es ihnen nicht hilft, wenn man ihr sinnloses Leiden in Schutz nimmt.

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