»Mutter Staat wird für mich sorgen.«

cover
Photo by Liv Bruce on Unsplash
Für die englische Übersetzung, klicken Sie hier.

Stellen Sie sich für einen Moment vor, Sie säßen in einem idyllischen Restaurant abseits des hektischen Stadtlebens und genössen die Aussicht. Plötzlich parkt ein großer SUV direkt neben ihrem Esstisch und ein Prolet springt heraus. Ganz offensichtlich ist der nicht behindert! Sie selbst mussten etwa hundert Meter gehen, um von den Besucherplätzen zum Restaurant zu gelangen. Und dieser Herr stellt sich ganz ignorant auf den Behindertenparkplatz!

Da ist die Empörung groß – und dort kommt gleich ein Zweiter! Haben die nicht die Schilder gelesen? Hier gelten Regeln! Aber niemand ist da, der sie durchsetzt…

Die Aufregung gilt dabei mindestens so sehr dem Regelbruch wie der Tatsache, dass man selbst gesetzestreu gehandelt hat. Dann könnten Sie ja nächstes Mal auch einfach hier parken, wo kämen wir da hin?!

Sie mögen es nicht gleich bemerken, aber Sie argumentieren mit der ›Broken-Windows-Theorie‹ und vielleicht zurecht!

Zerbrochene Fenster: Der erste Schritt zum Chaos

James Wilson und George Kelling nutzten das mentale Bild eines zerbrochenen Fensters, um ihre Theorie zu vermitteln. Ihrer Auffassung nach benötige es in einem Wohnblock nur eine kaputte Scheibe, um eine Reaktionskette des Verfalls auszulösen. Menschen sähen den Schaden und hielten die Nachbarschaft sofort für heruntergekommen. Dies werde zur selbsterfüllenden Prophezeiung, bis schließlich überall Scherben lägen und die Menschen wegzögen.

Jegliche Nulltoleranzpolitik, sei es bezüglich weicher Drogen oder wegen Falschparkens, argumentiert aus dieser Annahme heraus, dass für Ordnung gesorgt werden müsse, um weiterem Chaos vorzubeugen.

Sicher, wenn die dreisten Parker auf dem Behindertenparkplatz auch den letzten Fleck noch besetzen und eine Person im Rollstuhl nun dumm dasteht (Pardon!), dann hat die Rücksichtslosigkeit gesiegt. Wie unsolidarisch!

Sicher, wenn man all diesen Ganoven nun eine saftige Rechnung ausstellte, dann würden sie es sich beim nächsten Mal gut überlegen! Aber lassen sich diese Menschen überhaupt belehren? Schließlich haben sie es bis in das fahrfähige Alter geschafft, ohne die Lektion gelernt zu haben. Wahrscheinlich werden sie stattdessen das Restaurant nicht mehr besuchen – aber dafür ein anderes, das ihr Verhalten toleriert.

Konsequente Konsequenzen haben ihren Reiz und können wirksam sein. Selten findet man sie abseits der Städte, in der Idylle. Vielleicht begibt man sich gerade deshalb hier her? Die langen Finger der Zivilisation schmeicheln noch den Gaumen, aber man verspürt doch schon die Lust der Freiheit zugleich.

Nun, diese Freiheit hat ihren Preis. Doch sie kann auch belohnen. Was nämlich, wenn das fragliche Restaurant höchstens drei gehbehinderte Gäste am Abend hat, es jedoch dutzende Parkplätze für sie gibt?

Dann gibt es einen Bruch zwischen ›Gesetz‹ und Realität.

Dieser Bruch kann auch ein zerbrochenes Fenster sein. Wo die Regeln scheinbar willkürlich und unpragmatisch erscheinen, sinkt der Respekt, den man vor ihnen hat. Ein sinnloses Gesetz sollte man besser gar nicht erst in Kraft treten lassen, denn es senkt die Legitimation der sinnvollen.

So sind die unliebsamen Proleten zugleich eine Glimmspanprobe für das Regelwerk: Ist diese Regelung sinnvoll genug, um sie mit aller Gewalt durchzusetzen? Sicher sollen Behinderte nicht unter den Gesunden leiden, aber tun sie es denn tatsächlich? Vielleicht finden sie fast immer einen Parkplatz und sind selbst überhaupt nicht empört?

Und nun ja, Sie haben sicherlich auch als Nicht-Behinderter schon einmal keinen Parkplatz gefunden. Haben Sie ein Recht auf einen Parkplatz nahe bei diesem oder jenem Restaurant? Muss nicht das Restaurant das entscheiden und ist es nicht eine freiwillige Entscheidung, eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen, wenn es das täte?

Wer sind Sie als Gast, hier stellvertretende Empörung zu empfinden?!

Die Frage, ob man es anständig findet, aus Bequemlichkeit nicht hundert Meter entfernt zu parken, ist eine andere. Die eigene Entscheidung kann man nach dieser Einschätzung ausrichten. Aber wer ist der Staat, dass er, Ihrer Meinung nach, hier die Interessen Vieler hinter jene Weniger zurückstellen sollte?

Empörung ist der Schrei nach einem schlichtenden Elternteil.

Die Tyrannei der Fürsorge

›Vater Staat‹ ist ein geflügeltes Wort. Die maskulin konnotierte Autorität des Staats hat ihm wohl zu diesem Spitznamen verholfen. Seine sanft aber bestimmt weisende Hand sorgt dafür, dass der Bürger – das neugierige Kind – seine Freiheit erkunden kann, ohne den wirklich bedrohlichen Abgründen allzu nahe zu kommen.

In westeuropäischen Ländern lässt sich nun allerdings eine Entwicklung beobachten, die hin zu etwas verläuft, das ich ›Mutter Staat‹ nenne möchte. Mit Rücksicht auf missverständliche Geschlechterimplikationen dieser Formulierung sei angemerkt, dass hiermit auf die beiden Begriffe Patriarchat und Matriarchat angespielt wird, dennoch die dominierenden stereotypischen Eigenschaften dieser beiden Systeme mehr im Fokus liegen als das etwaige Personal.

Die Eigenschaft des Vater Staat war der Minimaleingriff mit gleichzeitiger Einweisung in grundlegende Werte. Der Bürger wird dazu angehalten, mutig, aber mit einem Kompass in die Wildnis der Zivilisation aufzubrechen.

Die Eigenschaft von Mutter Staat ist die Sorge. Hier wird viel Gewicht auf die Vermeidung von Gefahren gelegt. Der kindliche Bürger soll nicht zu schnell rennen, denn er könnte fallen. Er soll nicht nach der Abenddämmerung draußen herumstreunen. Der Bürger von Mutter Staat muss zur Not auch vor sich selbst beschützt werden.

»Mutter Staat wird für mich sorgen.«

Beide Modelle haben ihre Vorzüge, ziehen verschiedene Menschen mehr oder weniger an. Ungeachtet, wie man dazu steht, kann kaum geleugnet werden, dass in westeuropäischen Ländern unter dem Banner des Feminismus auch deutlich auf letzteres zugesteuert wurde, sodass Schweden und Spanien in der jüngeren Vergangenheit Regierungen wählten, die sich gar selbst als inhärent ›feministisch‹ bezeichneten.

Doch beide Modelle haben neben Vorzügen auch ihre Nachteile. Und der Bewegungstrend weg von Patriarchat hin zu Matriarchat resultierte aus einem veränderten Bewusstsein für jene des ersteren, sollte aber Anlass geben, uns auch jene von letzterem vor Augen zu führen.

Die zweischneidige Klinge des Patriarchats war die hohe Leistung und große Stärke der Gesellschaft auf der einen, der hohe Leistungsdruck auf und wenig Zimperlichkeit mit dem Individuum auf der anderen Seite.

Die zweischneidige Klinge des Matriarchats ist die mütterlich-tyrannische Sorge.

Martin Heidegger stellt in Sein und Zeit fest, dass das Wesen des Daseins die Sorge ist. Zum einen gibt es die Sorge um das Selbst, die sich unmittelbar in der Lebenserfahrung auftut. Und dann gibt es die Fürsorge, die sich auf Andere erstreckt.

Als vorspringende Fürsorge bezeichnet Heidegger jene Maßnahmen, die ein Anderer trifft, um ein Individuum zur Sorge um sich selbst zu bemächtigen. Darunter könnte man politisch die Gewährleistung der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse verstehen, wie etwa die garantierte Versorgung mit Essen und Trinken. Viel mehr Probleme muss der Bürger aber alleine bewältigen.

Als einspringende Fürsorge hingegen, versteht er jene Maßnahmen, die einem Individuum die Last der Sorge um sich selbst abnehmen, diese damit aber in ein Abhängigkeitsverhältnis stoßen. Dies wäre beispielsweise das Verbot von Schusswaffen, da nun das Individuum vermeintlich erst überhaupt nicht auf die Idee kommt, sie zu missbrauchen – zugleich aber muss der Bürger sich auf die Staatsgewalt verlassen, um Gefahren abzuwenden.

Während die vorspringende Fürsorge Vater Staat zugeordnet werden kann, ist das mütterliche Pendant die einspringende Fürsorge. Westeuropäische Staaten verlagern zunehmend ihre Prioritäten von der Freiheit auf die Sicherheit – und auch in den Vereinigten Staaten von Amerika wachsen entsprechende Forderungen seit langer Zeit.

Die Wahl zwischen beiden Polen muss das Individuum treffen. Sowohl Mutter als auch Vater Staat sind dazu in der Lage, »Law and order«, Gesetz und Ordnung walten zu lassen. Doch wo der Staat klein ist, übernimmt die Kultur die Verwaltung der Massen. Da die kulturelle Heterogenität konstant anwächst, könnte dieser Ansatz bald utopisch erscheinen. Das Gleiche gilt für die Idee, die Freiheit bleibe noch die gleiche, in einem sicherheitsoptimierten Matriarchat.

Nun, wollen wir zurück zu mehr ›Leitkultur‹ oder lassen wir unseren Staat zum mütterlichen Busen anschwellen? Prost.

Journal im Postfach: Erhalten Sie stets die aktuellste Ausgabe per E-Mail!

Die Gedanken sind kosten- und werbefrei.

Schreibe einen Kommentar

*