Nur Kapitalisten treiben ab.

Nur Kapitalisten treiben ab.
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Der Kapitalismus hat ein klares PR-Problem. Da er den modernen Gesellschaften Wohlstand gebracht hat, haben diese nun genug Freizeit, in der sie über ihn herziehen können. Man muss nur eine beliebige Seite im SPIEGEL aufschlagen oder eine Universitäts-Toilette besuchen – und da prangert es in roter Schrift: Nieder mit dem Kapitalismus! Die Kritik am freien Handel verkauft sich eben gut. Aber wie grundsätzlich lehnen diese mutigen Rebellen das System wirklich ab? Ich sage es mal so: Nur Kapitalisten treiben ab.

Es ist wahr, einige Schwachstellen gibt es im heutigen System hinsichtlich Eigentum und Geld. Müssen zum Beispiel diese winzigen Wasserfläschchen für 5€ wirklich existieren, wenn man Trinkwasser mittlerweile aus dem Hahn bekommt? Sollte die kleine Wohnung in Berlin-Mitte so teuer sein? Verdienen einfache Angestellte nicht viel zu wenig?

Was man bei all diesen brennenden Fragen jedoch vergisst: Man bekommt Trinkwasser aus dem Hahn, man muss nicht in Berlin-Mitte wohnen und nicht als Angestellter arbeiten. Und man muss nicht in Berlin-Mitte wohnen – man sollte nicht, ehrlich.

Der Kapitalismus wird häufig als ein System verstanden, das eine bestehende Gesamtmenge von Ressourcen ungerecht verteilt. Tatsächlich ist es ein System, das Ressourcen erst verfügbar macht, in Umlauf bringt, produziert. Im Kapitalismus wird es immer Arme geben, aber sie werden reich sein verglichen mit den Armen, die vor ihnen arm waren.

Der empörte Blick auf die Reicheren im Zuge der Kapitalismus-Kritik ist Gier, nicht Verzweiflung. Ihn kann nur werfen, wer den Anspruch auf mehr empfindet. »Gerechtigkeit, das ist nur, wenn niemand mehr als ich hat!« Deutlich edler wäre eine Sorge um die Ärmeren, doch auch damit verkaufen sich Auflagen und die Absichten verschwimmen ganz absurd.

Tatsache ist, wer will, der darf gerne in ein entlegenes Wäldchen fliehen, wenn er nicht teilnehmen will, oder in ein sozialistisches Land, wenn er glaubt, dass die Welt ihm etwas schuldig sei. Die meisten machen es allerdings andersherum – und nur der gut verwurzelte Sozialist kann vollständig ausblenden wieso.

Seltsam ist nun eines: Eben diese Kapitalismus-Kritiker sind es häufig, die seltsame Vorstellungen davon haben, welche ›Rechte sie am eigenen Körper‹ haben. Mit einem Mal ist das heranwachsende Baby in ihrem Bauch ihr ›Eigentum‹ und die Finger der Gesellschaft sollen bloß nicht danach greifen.

Und tatsächlich ist die Frage, ob der Staat hier noch das Sagen habe, wohl zu trennen von der Frage, ob man Abtreibung für moralisch vertretbar halte.

Doch wer abtreibt, sogar wer verhütet, der offenbart etwas von sich, das ihm (ihr) nicht gefallen könnte. Jemand muss das Kondom erst produzieren, das du dann freiwillig kaufst.

Zum einen, wenn man nicht äußerst verzweifelt ist, wird man zur Abtreibung wohl einen Arzt aufsuchen. Ach nein, das bedeutet ja, dass man Kompetenz wertschätzt! Außerdem ist die Motivation wohl in den allermeisten Fällen das Eigeninteresse. Gott bewahre, man handelt egoistisch! Zu guter letzt bremst ein Kind die Karriere aus und ist mit vielen Kosten verbunden. Herrje, das Geld regiert deine Welt!

Ganz gemein zugespitzt, ich weiß. Aber nichts anderes ist der Kapitalismus. Qualität bzw. Kompetenz wird entlohnt, die Teilnehmer kooperieren aus Eigeninteresse und das Individuum entscheidet, mit wieviel es sich begnügen will. Nur Kapitalisten treiben ab.

Selbstverständlich treiben nicht alle Kapitalisten ab, denn man kann ein System wertschätzen, ohne sich darin gänzlich aufzulösen. Aber die Entscheidung für eine Abtreibung ist zu einem gewissen Grad meist materialistischer Natur. Die Entscheidung gegen eine Abtreibung ist anti-materialistisch (wenn man nicht gerade das Kindergeld jagt).

Sex ohne das Ziel der Fortpflanzung dient dem Vergnügen. Es gibt kein Recht auf Sex. Wer also das Risiko der Empfängnis eingehen will, der muss erkennen, dass es ein Risiko ist. Niemand sollte verpflichtet sein, die Flecken aus deinem Laken zu waschen – ebensowenig wie du es verdienst, die Konsequenzen deines Handelns mit einer Zange abgenommen zu bekommen.

Du solltest frei sein, abzutreiben oder zu verhüten, wenn du es schaffst. Doch es wird dein Eingeständnis an den Kapitalismus sein. Wenn das ok ist…

Das ist libertär.

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