Politik und Jugend: Konservativenbeschimpfung als pubertäre Erscheinung

In bestimmten jugendlichen Kreisen aus dem vorpolitischen Umfeld der AfD ist es seit etwa einem Jahr en vogue, Gegner als „boomer“ zu bezeichnen und damit, nach eigener Ansicht, vollständig zu delegitimieren, oder, zeitgemäß ausgedrückt: zu „ownen“. Dabei ist bezeichnend, dass das saloppe Wort vom „boomer“ (eine Abkürzung für baby boomer) ursprünglich von links, nämlich vom blutjungen shootingstar der neuseeländischen Grünen, Chloë Swabrick, stammt, die im November 2019 eine Parlamentsrede hielt, welche stark an Greta Thunbergs notorische Klagen über die geraubte Zukunft der jungen Generation erinnerte. Auf einen Zwischenruf des konservativen Abgeordneten Todd Mueller reagierte sie lapidar, indem sie ihm die Worte „Ok, boomer“ an den Kopf warf. In linksliberalen Medien wurde Swabrick daraufhin erwartungsgemäß als unerschrockene Ikonoklastin gefeiert; dass allerdings auch ein Teil des rechten Lagers in diese Elogen miteinstimmte, allem voran sezession-Autor Benedikt Kaiser („Marx von rechts“), sollte unsereinen bereits misstrauisch stimmen. Und tatsächlich ist nach einem Jahr festzustellen, dass diese fesche Keckheit (oder boomerhaft ausgedrückt: der mangelnde Respekt vor Alter und Lebensleistung) der politischen Rechten in Deutschland keineswegs gutgetan hat.

Gegen wen dieser unerschütterliche Glaube unserer jungen Mitstreiter an jene banale Delegitimierungstaktik, wie sie Anhänger Greta Thunbergs so gern verwenden, in unserem Fall in Stellung gebracht wird, hat Kaiser schon vergangenes Jahr definiert: „‚Liberaler boomer‘ wäre ja fast schon tautologisch.“ Die grassierende Aufwendung des „boomer“-Begriffs fügt sich mithin ein in die lange Tradition des „catch the liberal“-Spiels, das sich in Schnellroda so großer Beliebtheit erfreut, obschon man ebendort bei jeder sich bietenden Gelegenheit über „Distanzeritis“ klagt, am liebsten unter Hinweisung auf die enorme Bedeutung einer hinreichend heterogenen, aber dennoch solidarischen sog. „Mosaikrechten“.

Jüngst hat nun diese Modeerscheinung des boomer huntings ein neues Ziel gefunden, als bekannt wurde, dass der Schriftsteller Michael Klonovsky, ehemaliger Focus-Redakteur und seit 2016 Referent verschiedener AfD-Spitzenpolitiker, als AfD-Bundestagsdirektkandidat für den Wahlkreis Chemnitz aufgestellt worden war. Angestachelt insbesondere von Philip Stein (Jg. 1991 und Leiter des explizit junge Leser umwerbenden „Jungeuropa“ Verlags) und Benedikt Kaiser (Jg. 1987), warf sich eine Meute offensichtlich junger Menschen auf diese völlig freie Entscheidung der Chemnitzer AfD-Mitglieder. Kaiser hatte Klonovsky mitunter als „NATO-Fan“ bezeichnet und gar insinuiert, dieser „volksferne“ „Anywhere“ (übrigens ein Terminus des „boomers“ David Goodhart, den vor allem Klonovsky in Deutschland popularisiert hatte) habe ihm unter vier Augen seine Verachtung für die Sachsen kundgetan und eigne sich deshalb nicht für die Kandidatur. Wir wollen uns nicht der Frage zuwenden, ob Klonovsky in seinem ganzen Leben auch nur ein Wort mit Kaiser gewechselt hat; es sei hier schlichtweg festgehalten, dass eine auch nur sporadische Lektüre der acta diurna, des Blogs von Klonovsky, vollauf hinreicht, um Kaiser Äußerungen als Diffamierungen zu erkennen.

Allerdings kann man selbst eine solche sporadische Lektüre der acta diurna von Kaisers Umfeld, in dem man sich gegenseitig als „Genossen“ anspricht, nicht erwarten. Denn wenn bestimmte Reizwörter („elitistisch“, „volksfern“, „marktradikal“) gefallen sind, geifert sein Gefolge bereits wie ein pawlowscher Hund. Als „VS-Element“ wurde da Klonovsky beschimpft, als „Clown“  und seinerzeitiger „Teil und Profiteur dieser Presse und dieses Systems“ (so der Kreisverband Junge Alternative Chemnitz-Erzgebirge) sowie obendrein darüber belehrt, dass dieser sein Mangel an „Volksnähe“ (ebd.) die Folge dessen sei, dass er mit einer „Israelitin“ (recte: Israelin) verheiratet sei.

Wenn man die Frage nach der guten Kinderstube (die wohl wiederum allzu boomerhaft wäre) beiseitelässt, ist festzustellen, dass in den fraglichen Kreisen offenbar einem jeden, dessen Vita irgendwelche Erfolge aufweist und der vor zehn Jahren nicht etwa bei den „Nationalen Sozialisten Chemnitz“ oder ähnlichen Vereinen mitmarschiert ist, gelinde ausgedrückt mit Misstrauen begegnet wird; wer, so scheint man dort anzunehmen, in der BRD irgendetwas hat werden können und nicht völlig marginalisiert und mittellos war, oder im besten Fall: nach wie vor ist, der kann ja nichts anderes als ein Schuft oder Opportunist sein. Man nennt dieses Denken „edgy“. Eine böswillige Übersetzung würde lauten: randständig.

Eine jede Gruppe, innerhalb derer sich ein derartiger Konsens etabliert, ist zwangsläufig von einer ständigen Abwärtsspirale im Hinblick auf die Qualität ihrer Mitglieder geprägt, denn die dortige Gruppendynamik lebt vom Ressentiment. Und daher interessieren den jugendbewegten edgy boomer hunter auch keinerlei Fragen nach guter Gesittung oder tüchtigen Leistungen, auf denen eine Forderung oder auch nur ein Mandat fußt; sein Metier ist grade die Frechheit: „Die Schamverletzungen, die die anarchofidele Erst-Jugend um 1968 herum beging, sind nun von rechts beerbt worden.“ (Botho Strauß) Viele haben gehofft, dass die Neue Rechte in hinreichendem Maße auf Hygiene bedacht sein würde, um davon verschont zu bleiben; offenbar vergeblich.

Wer erfahren möchte, wie eine derartige geistige Disposition in die Neue Rechte hat Einzug halten können, sollte ein paar Jahre zurückgehen. Es war der Schnellroda-Komplex, der über Jahre hinweg in ständigen Variationen vorgetragene Konservativenbeschimpfungen, Verächtlichmachungen von Autorität und Institutionen, mal als Beiträge für die hauseigene Zeitschrift sezession, mal als Buchprojekte im hauseigenen Verlag antaios, forciert hat, vornehmlich in eigenem Interesse zur Bekämpfung von eigentlich höchst benachbarten Feinden. Dieses Genre erfordert naturgemäß Anleihen bei der Linken, und zwar bei einer tendenziell radikalen Linken. Der Schriftleiter der sezession, Götz Kubitschek, der es eigentlich besser wissen müsste und 2017 noch für ein Wahlrecht ab 30 Jahren plädiert hat, schlug diesen fidelen Ton etwa an, als er anlässlich der Gründung von CATO, in einem Telefoninterview mit J. Augsteins Freitag, von einem „Wohlfühlmagazin für Wohlstandskonservative“ sprach (obschon er kürzlich kund und zu wissen tat, dass man „grundsätzlich“ nicht mit linken Zeitungen spreche, als Erika Steinbach nichts weiter getan hatte, als gegenüber der taz die Abwahl Erik Lehnerts aus dem Vorstand der Parteistiftung zu bestätigen: und dies nicht einmal telefonisch, sondern bloß schriftlich).

Ob sich Kubitschek mit dieser von ihm gewählten Strategie einen Gefallen getan hat, ist zweifelhaft. Das Jahr 2020 hat mit der besagten Abwahl Lehnerts und der Annullierung von Andreas Kalbitz’ Parteimitgliedschaft deutlich aufgezeigt, dass der Einfluss von Schnellroda auf die AfD inzwischen an seine Grenzen gestoßen ist. Dem „Flügel“ (oder dem, was von ihm übrig ist) dürfte es nicht zuletzt aufgrund dieses omnipräsenten Misstrauens gegenüber jedweder Leistung an professionellem Personal mangeln. Zudem sollte Kubitschek für die Zukunft nicht vergessen, dass er zum einen in wenigen Jahren das Alter der heutigen „boomer“ selbst erreichen wird, und zum anderen Vatermord nun einmal ziemlich „edgy“ ist.

Journal im Postfach: Erhalten Sie stets die aktuellste Ausgabe per E-Mail!

Die Gedanken sind kosten- und werbefrei.

Schreibe einen Kommentar

*