Politische Modenschau und mediale Verzerrung

Politische Modeschau und Mediale Verzerrung
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Für die englische Übersetzung, klicken Sie hier.

I. Der Wille der Satten

Die Wünsche eines Hungernden auf der Straße sind kein Mysterium. Er mag keine Vorstellung davon haben, wie es umzusetzen sei, aber er braucht Essen und ein Dach über dem Kopf. Und würde er eine Gelegenheit zu beidem finden, wäre er zu vielem bereit, um sie zu nutzen. Er würde nicht auf eine Rettung durch ›die da oben‹ warten. Er würde sie auch nicht ablehnen.

Die Wünsche eines Satten sind um ein Vielfaches geheimer. Ohne ein dringliches Bedürfnis sieht er sich mit der übergroßen Freiheit konfrontiert, nicht nur mit dem Magen zu schauen. Nun sind die psychologischen Gelüste auf der Jagd, jene selbstgerechten, die Nietzsche als den Willen zur Macht bezeichnet.

Sozialer Status, Sympathie, Zugehörigkeitsverlangen, Angst vor Zurückweisung, Gier, Neid, Schuld… Die Schlammschlacht der Gelüste beginnt erst so richtig beim Verdauen. Kurzum, der Wohlstand in unserer Gesellschaft war noch nie größer und somit auch der politische Diskurs noch nie weiter von der pragmatischen Realität entfernt.

Politik ist die Sphäre des öffentlichen Lebens, die der Verwaltung großer Menschengruppen gewidmet ist. Zusammenleben so gut wie möglich, das sollte die Zielsetzung sein. In einer Demokratie soll dabei zudem das Volk darüber entscheiden, wie dieses Ziel verfolgt wird.

Die Krux: Insofern es nicht die unmittelbare Abwehr von Gefahren betrifft, gibt es zwar viele abschreckende Beispiele, aber wenige Bedienungsanleitungen, wie dies zu bewerkstelligen sei. Und in einer Ära des Individualismus und Wohlstands ist man sich nun nicht einmal über die Ziele mehr einig.

In der Politik kann sich das in zweierlei Tendenzen niederschlagen. Entweder, die Konsequenz aus einem schrumpfenden Minimalkonsens ist ein schrumpfender Minimalstaat: Dies ist das Prinzip des Minarchismus. Oder aber die Meinungsdiversität wird mit wachsendem Autoritarismus gegängelt.

Dasselbe gilt für den Journalismus. Macht erhalten jene Politiker, die bei den Bürgern in ausreichender Zahl Wahlentscheidungen zu ihren Gunsten auslösen. Wirtschaftlichen Bestand haben jene Unternehmen, die ausreichend Kaufentscheidungen bei Kunden erzielen können. Verknappt gesagt: Was die Demokratie für die staatliche Regierung bedeutet, ist der Kapitalismus für die Medienlandschaft.

Die Reaktion darauf kennt ebenfalls zwei Richtungen: Entweder, der Journalismus besinnt sich zurück auf seinen Ursprung, die Berichterstattung. Dann würde sie den kleinsten gemeinsamen Nenner einer großen Kundschaft bedienen: das Bedürfnis nach Erkenntnisgewinn. Oder aber sie mutiert zu einem Meinungsmonopol und spaltet den Markt in sich – den Mainstream – und alles andere.

Was denken Sie, auf welcher Seite wir uns bezüglich dieser Tendenzen in Politik und Medien derzeit befinden?

II. Mediale Verzerrung: Der Sturm auf unsere Wahrnehmung

Wer nicht hungert, der kann sich dem Vergnügen widmen. Dieses sucht man heutzutage häufig in kurzfristiger Befriedigung, sei es durch ›Entertainment‹, Sex oder Rauschmittel. Und zu letzteren gehören mittlerweile die sozialen Medien.

Die Idee der ›Meinungsblasen‹, die sich aus den Algorithmen von Facebook, Twitter etc. entwickelt haben sollen, sieht aber inzwischen eine Gegenbewegung. Waren einmal die Inhalte auf den Nutzer zugeschnitten, wurde nun in der marktoptimierenden Reaktion die Diversität der Inhalte reduziert. Wenn ein Medienkonzern sieht, dass 20% der Inhalte für 80% der Klicks verantwortlich sind, dann steckt er 100% seiner Bemühungen in diese 20%.

Dies lässt sich am Beispiel der New York Times zeigen: Folgender Graph veranschaulicht die Häufigkeit verschiedener Begriffe in Artikeln im Verlauf der Zeit.

Mediale Verzerrung bei der New York Times
Quelle: Arram Sabeti

Und hier ein Beispiel näher im Detail:

Mediale Verzerrung von ›White Privilege‹
Quelle: Zach Goldberg / LexisNexis

Es ist schlicht unmöglich zu behaupten, diese Entwicklungen beruhten auf tatsächlichen Veränderungen der Lebenswirklichkeit. Nein, sie sind Reaktionen auf das Endnutzerverhalten. Emotionale Schlagwörter haben sich als zuverlässige Aufmerksamkeits-Magneten herausgestellt und die New York Times entschied sich, aus der Berichterstattung in die Magnet-Branche zu wechseln.

In der Gesellschaft manifestiert sich das wiederum als eine konstante Überdosierung der Empörung. »Wie kann etwas so inakzeptables so präsent, so akzeptiert sein?!« Nun, das ist es nicht. Wir bekommen schlicht das vorgesetzt, was uns am ehesten zum langen Arm der Marketingabteilung machen wird, indem wir darüber reden, es teilen, davon besessen werden.

Genau genommen ist dieser Umstand gerade der Beweis, dass keine gesellschaftliche Akzeptanz von Rassismus, Sexismus und Unterdrückung in diesem Ausmaß bestehen kann. Dann nämlich würden Großkonzerne das große Geld nicht durch deren ›Aufdeckung‹ machen.

Douglas Ahler und Gaurav Sood haben als Resultat dieses Wandels weg von zielgruppenoptimiertem Content hin zu contentoptimierten Zielgruppen beobachtet, dass jene Menschen, die sich am meisten für Politik interessieren, tendenziell am ehesten falsche Vorstellungen von den Vertretern der anderen Seite haben.

Mediale Verzerrung politischer Positionen
Quelle: »The more political information you consume, the more you misperceive the other party.« | »The Parties in Our Heads,« Ahler and Sood, 2018

Ezra Kleins Essay zu diesem Thema bricht es denkbar einfach auf folgende Formel herunter:

Identität = Viralität

Ezra Klein, Vox.com

Jene Neuigkeiten, die eine sehr interessierte, sehr engagierte und relativ große Zielgruppe ansprechen, indem sie die Nachfrage für Aufmerksamkeits-Magneten bedienen, werden mit höchster Wahrscheinlichkeit das größte Aufsehen erregen, die meisten Klicks generieren und daher den besten finanziellen Profit erwirtschaften.

Denken Sie, die Medienkonzerne besitzen genug Integrität, um dieser Verlockung zu widerstehen?

Diese Neuigkeiten sind per Definition solche, die direkt auf Identitätsmerkmale der Konsumenten abzielen und/oder von der Verletzung der Identität Anderer handeln. Wie der Befund zeigt, hat wenigstens die New York Times sich für eine Auswahl von Identitäten entschieden, die sicher nicht zufällig nun auch den politischen Diskurs in westlichen Staaten dominieren: Geschlecht und ›Rasse‹.

Aber was ist mit dem Egalitarismus? Egal!

Der primitive Teil unserer Gehirne steuert nun völlig unkontrolliert unsere Aufmerksamkeit. Weil Politik in den allerprivatesten Bereich unserer Leben vorgedrungen ist, in unsere Hosentaschen, in unsere Endgeräte. Ein totes Ende?

III. Politik als Modenschau

Es mangelt in den heutigen politischen Diskussionen an Prinzipien. Stattdessen findet man sich umzingelt von Menschen, die für Maßnahmen plädieren, die ihnen nie selbst eingefallen wären – unauthentisches Denken. Sie adaptieren lediglich intuitiv das Gefälligste aus der stark begrenzt wirkenden Gesamtmenge von Ideen, anstatt ihr etwas originelles beizusteuern. Sie schwimmen im Mainstream.

Und vermutlich kann man es ihnen nicht vorwerfen. Dem zugrunde liegt die Resignation, dass – Demokratie hin oder her – niemand wirklich den Eindruck mehr hat, er könne etwas bewirken. Unter dieser Annahme geschieht die Entscheidungsfindung mit Rücksicht auf den größten sozialen Nutzen, den es hat, diese Meinung zu haben. Die tatsächlichen politischen Konsequenzen verkümmern zu sekundären Nebenwirkungen der Selbstinszenierung.

Nun, wenn unsere Aufmerksamkeit inzwischen mehr manipuliert wird, als dass wir sie selbst steuern… wenn der Markt für nüchterne Berichte erschreckend klein geworden ist und zumindest die Auswahl der Dinge, über die geredet wird, Andere für uns treffen… wenn wir nur sehen, was wir prinzipiell bereits kennen…

Dann führen wir uns selbst hinters Licht… dann nehmen wir unsere Suchtmittel als Medizin… dann danken wir noch dem Mann, auf dessen Kittel mit Filzstift ›Arzt‹ geschrieben steht, für das Rezept… dann ist uns nicht zu helfen.

Der politische Diskurs, so meine These, ist aufgrund unseres Wohlstands und der Digitalisierung zu einer Modenschau verkommen. Die Mode, das sind die unbewussten Trends der Masse, an denen teilzunehmen wir uns verführt sehen. Die Schau, das ist das öffentliche Haltung-Zeigen, der soziale Kredit für die Teilnahme am Mainstream-Wettschwimmen.

Und wir schwimmen und schwimmen, aber wer gewinnt?

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