Ursprünge der Polarisierung im demokratischen Diskurs

Foto: Marc Olivier Jodoin

Es gibt eine witzige Anekdote über Twitter, in der ein Nutzer schreibt, »ich liebe Honig«, worauf ein anderer Nutzer kommentiert: »Wieso hasst Du Marmelade!?« – Wer sich regelmäßig in der Höllenpforte der sozialen Netzwerke aufhält, wird mit einem zynischen Lächeln die Wahrheit in dieser Geschichte erkennen. An den Algorithmen der Plattform zeigt sich überlebensgroß die hässliche Fratze der skandaloptimierten modernen Aufmerksamkeitsökonomie.

In westlichen Staaten, die sich ›demokratisch‹ schimpfen, ist der öffentliche Diskurs notwendige Bedingung für Veränderung und Erhalt der Zivilisation. Da er jedoch immer unzivilisierter praktiziert wird, lässt sich Übles ahnen. Die Empörungskultur ist spätes Symptom des Verfalls. Eine Lagebesprechung.

Drei wesentliche Faktoren beschleunigen den Untergang erfolgreicher Kommunikation. Die moralische Aufladung politischer Fragen, das Minenfeld der Begrifflichkeiten und die mittlerweile grundverschiedenen Absichten der Gesprächsteilnehmer.

1.  Moralische Aufladung der Politik

Die meisten Menschen wollen glauben, gut zu handeln. Streitigkeiten in moralischen Fragen sind keine darüber, ob man gut handeln sollte, sondern wie man es tut. Die meisten Menschen lassen sich allerdings auch zu Handlungen verleiten, die sie selbst als schlecht einschätzen würden, wenn ihr Urteil nicht durch Eigeninteresse ›getrübt‹ wäre. Die moralische Aufladung der Politik ist der Versuch, Wähler für etwas zu gewinnen, das nicht ihrem Eigeninteresse entspricht bzw. diesem gar widerspricht.

In der Spieltheorie wird die optimale Kooperation von Individuen mathematisch kalkuliert. Welche Strategie muss einjeder Spielteilnehmer verfolgen, um den größten Gemeinnutzen, welchen um den größten Eigennutzen zu erzielen? Die Demokratie löst diese Unterscheidung auf, denn sie geht von der Überzeugung aus, dass die kreative Spannung zwischen unterschiedlichen Interessen ein valides System hervorbringt. In einer Demokratie soll also jeder für sich selbst spielen, selbstloses Handeln hat keinen Platz. Der Preis soll schließlich ein Kompromiss sein.

Indem der politische Appell zunehmend an das Gewissen der Bürger gerichtet wird, anstatt an ihren Willen, verzerrt sich das demokratische Spektrum zu einem nichtrepräsentativen Meinungsbild. Die emotionalen Pull-Faktoren funktionieren zugleich hervorragend als Aufmerksamkeitsgeneratoren, die medial verwertet werden können. So entstehen die Phänomene der politischen Modenschau und medialen Verzerrung (Nordbruch).

2.  Minenfeld der Begrifflichkeiten

Mit moralischen Implikationen lassen sich nun auf dem Gipfel der Manipulation bereits einzelne Wörter aufladen. »Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt«, befand Wittgenstein. Wo man sich aber als schlechter Mensch schon anhand des eigenen Vokabulars bezeichnet finden kann, entsteht eine Wertbesetzung von Begriffen, die sprachlich das verzerrte Meinungsbild widerspiegelt. Die Grenzen der Welt dürfen sprachlich nicht länger abgebildet werden.

Das ›Overton-Fenster‹ beschreibt in der Soziologie die Menge akzeptabler Aussagen im politischen Diskurs und lässt sich als Skala zwischen zwei beliebigen Polen darstellen. Werden Aussagen hin zu einem Pol akzeptabler, so verändert sich das Fenster, indem es anwächst. Werden Meinungen gesellschaftlich stigmatisiert, bedeutet das eine Verkleinerung des Fensters. Wir begegnen dem Konzept in Deutschland häufig als dem ›Rahmen des Sagbaren‹.

»Das wird man ja noch sagen dürfen«, ein pathetisch lautender Satz, über den sich die hegemonialen Spielteilnehmer lustig machen können. Der Witz geht leider auf unser aller Kosten, denn gesellschaftlichen Druck in die Sprache selbst einzuarbeiten führt zu uneigentlichem Sprechen. Ein damit einhergehendes verschobenes Overton-Fenster begrenzt den politischen Diskurs in einer Weise, die einen Teil des Volkes außen vor lässt. Meinungen müssen noch lange nicht für gut befunden werden, das Demokratiespiel geht allerdings nicht auf, wenn theoretischen Teilnehmern keine praktischen Instrumente zugesprochen werden, um für ihr Eigeninteresse einzutreten.

Wenn man nicht mehr »Honig« sagen darf, weil einem sofort Anti-Marmelade-Positionen unterstellt werden, kann das Honig-Lager mit einer Umdeutung ihrer Interessen durch Dritte als ›Hass‹ delegitimiert werden. Die Marmelade-Befürworter werden noch von allen Unterstützung erfahren, die zwar zuvor fanden, Honig und Marmelade seien beide okay, Hass aber nicht. Nun sind sie zur Entscheidung zwischen beiden Aufstrichen moralisch gezwungen. Und der Marmeladen-Großkonzern wird sich wie die Honig-Radikalen die Finger reiben.

Viele Teilnehmer befinden sich auf dem Gebiet der Sprache zunehmend in einem Minenfeld der Begrifflichkeiten. Während sie versuchen müssen, den Sprengsätzen auszuweichen, die sie unmittelbar außer Gefecht setzen ließen, marschieren ihre Kontrahenten ungehindert drauflos. Das Resultat ist ein ungleicher Streit der Ideen, der nicht länger mit dem Sieg des besseren Arguments enden muss.

3.  Treibstoff-Unverträglichkeiten

Der letzte nennenswerte Faktor, der die Polarisierung des politischen Diskurses vorantreibt, ist eine zunehmende Polarisierung der Absichten, mit denen die Diskussionsteilnehmer das Spiel antreten. Im Idealfall sollte jeder nach dem eigenen Sieg, aber nach demselben Preis streben, dem Kompromiss als Folge einer authentischen Vertretung der eigenen Interessen. Kritiker der Demokratie würden dies als ›Trostpreis‹ bezeichnen, Befürworter als ›Friedensvertrag‹ für alle Beteiligten.

Vermehrt nehmen nun aber Spieler teil, die die Theorie der Demokratie überhaupt nicht erfolgreich sehen wollen. Ihnen liegt es daran, diese gegen sich selbst auszuspielen, wozu sie die bereits genannten Mittel der moralischen Aufladung nutzen, um andere Spieler nach ihrem Interesse handeln zu lassen, anstelle nach dem Eigeninteresse. Zuvorderst sei als Medium dieser Versuche die Presse genannt, die wohl die größte Macht auf den Spielverlauf ausübt.

Die Manipulation der Sprache von oben herab, beispielsweise durch die Einführung der Gendersprache im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und akademischen Institutionen, ist ein Symptom dafür, dass diese bereits nicht repräsentativ waren, nun aber an einer Verzerrung aktiv teilnehmen. Um es unmissverständlich zu formulieren: Diese Akteure zeigen durch ihre Maßnahmen, dass sie in ihrem Kern undemokratisch sind.

Die Amtssprache soll das Abbild der demokratisch evaluierten Wirklichkeit sein – jedenfalls in einer Demokratie. Bildet sie nur die Wahrnehmung einer politischen Fraktion ab, so ist sie ein Zerrbild. Der Einsatz dieser Verzerrung, wir erinnern uns, ist zutiefst undemokratisch. In zweifaltigem Sinne: Das Gendersternchen steht für die klaffende Wunde zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit.

Das Beispiel steht hier als pars pro toto für den Zustand der Demokratie. Viele politische Akteure geben lediglich noch vor, das System, das sie manipulieren, zu vertreten. So lässt sich ihr Gegner als der Undemokrat verleumden, der sie eigentlich sind. Nun, wenn sie wenigstens hier ehrlich wären, dann wären sie allein dadurch bereits deutlich demokratischer.

Das ›als ob‹ und ›was wäre wenn‹ des politischen Diskurses, das stellvertretende Sprechen, die allen Meinungsverschiedenheiten feindlich gesinnte Fließband-Denkfabrik der Medien – all dies sind Gefahren der Demokratie, die vorgeben, selbige zu beschützen, sie viel wahrscheinlicher jedoch zeitnahe zerstören werden. Das gesetzt den Fall, dass man sie nicht zuvor in ihre Schranken weist.

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