Ver-Bessern wir das Menschen-Ge-Schlecht!

Foto: World Economic Forum

»Was schön wäre ist so gut wie wahr.« So ließe sich das Credo einer neuen politischen Ära zusammenfassen, die sich mehr mit der Bekämpfung von Windmühlen (ironischerweise durch das Aufstellen von Windrädern) und Kapitalismus-Kritik (ironischerweise in das neueste iPhone getippt) befasst als mit Eigenverantwortung, Pflicht und Freiheit.

Prinzipien werden durch Ideale nicht nur ersetzt, sondern der Verstoß gegen sie zum Kavaliersdelikt. Inszenierung geht über Inhalt: Aus Parteiischen werden Neutrale, aus Aktivisten werden Experten, aus Berufspolitikern werden integre Idealisten, aus Vandalen werden Demonstranten, aus Opfern werden Terroristen und aus Terroristen werden Opfer gemacht.

»Dies ist ein Buch über eine radikale Idee. Worin besteht diese Idee? Dass die meisten Menschen von Grund auf gut sind.«

So stellt Rutger Bregman sein Buch Im Grunde gut vor. Im Grunde muss man es damit auch nicht mehr lesen. Die New York Times verhilft schnell zu einer Einordnung des Autors:

Rutger Bregman ist Teil einer Reihe von jungen Aktivisten, Vordenkern und Politikern wie Greta Thunberg oder Alexandria Ocasio-Cortez, die begonnen haben, mit ihren radikalen Ideen ganz entscheidend eine breite Akzeptanz zu erreichen.

Dieses Zitat, dem Buch vorangestellt abgedruckt, inszeniert Bregman als Widerständler mit breitem Support, ein Paradoxon in sich. Die Bezichtigung ›radikaler Ideen‹ wird offen als Wertsiegel angenommen. Man misst sich schon lange nicht mehr an der Qualität der Ideen, nicht einmal an der Originalität der Ideen – nein, heute zählt der Extremismus, mit dem man die populärsten Ideen vertritt.

Genau genommen hat Greta Thunberg den Klimaaktivismus ja nun nicht begründet, vor-gedacht. Sie wurde und hat sich vielmehr als effektive öffentlichkeitswirksame Repräsentantin in den Dienst dieser Bewegung gestellt. Genau genommen ist sie also keine Vor-Denkerin, sondern eine Nach-Denkerin.

Alexandria Ocasio-Cortez hat sich den Sozialismus auch nicht selbst ausgedacht, bereits ihre Mutter war schließlich vor ihm nach Amerika geflohen. In einem Distrikt, in dem seit jeher blind ›Democrats‹ gewählt werden, wurde sie mit einer lächerlich niedrigen Anzahl von Stimmen für ihren linken Populismus gewählt und hat abgesehen von einem satten Gehalt seither… nichts erreicht.

Rutger Bregman studierte Geschichte und nun will er Zukunft schreiben. Das Buch, das vor dem erwähnten erschien, trägt im Niederländischen den Titel Gratis geld voor iedereen – gratis Geld für jeden. Schön wärs! Der ausführlichere Titel im Deutschen lautet: Utopien für Realisten: Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen.

Das klingt doch gleich ganz angenehm! Der hart arbeitende Müllmann soll mehr Zeit für die Familie haben, mehr Geld und mehr Nachbarn, die ihm neue Sprachen beibringen können. Und das Ganze ist auch noch realistisch, steht doch schon im Titel!

Nein, ist es nicht. Nein, es wird auch nicht im Buch bewiesen. Nein, es gibt auch keine realistischen Vorschläge. Ja, es wurde trotzdem gut verkauft. Ja, so einfach verkauft man den Leuten, was sie hören wollen. Ja, wir sind dem Untergang geweiht.

Thunberg, AOC und Bregman haben tatsächlich eines gemeinsam: eigentlich alles. Sie sind die Rechnung, die unsere Gesellschaft für anti-autoritäre, verwöhnende Erziehung in Wohlstand bezahlen muss. Plärrende Bälger, die viel wollen, nur nichts dafür tun.

Das Mindset: Meine Aufgabe ist es nur, meinen Willen zu äußern, denn ich bin etwas Besonderes und sehe was, was du nicht siehst. Die Umsetzung überlasse ich den Anderen, irrationale Ausraster drohen bei Gegenwind. Diese Einstellung ist nicht nur modus operandi sondern auch Wesenskern der Ideen an sich: Die Menschen sollten nichts für ihr Geld tun müssen, niemand soll mehr als ein Anderer (ich!) haben, die Maximierung der Sinnesfreuden geht über alles, jede politische Maßnahme ist noch »nicht genug!«

Jeden dieser drei Kandidaten könnten Sie zu einem beliebigen angesagten Thema befragen und die Antworten wären identisch. Alle drei erfahren megalomanische Unterstützung in den Medien. Alle drei sind Feministen, Antikapitalisten, Sozialisten, Antifaschisten und haben schon einmal eine Debatte mit den Worten »das ist rassistisch!« gewonnen.

Radikal sind diese Nach-Denker gewiss. Linksradikal. Aber eigentlich ist es doch das ›links‹, das die Presse diesen Umstand zu etwas ›Gutem‹ umdeuten lässt. Die große Unterstützung für radikale Ideen sollte jedoch ganz andere Fragen veranlassen als »warum der Strohhalm, den ich in den Plastikdeckel meines McDonald-Bechers stopfe nun per EU-Dekret aus Pappe bestehen muss, die sich sofort auflöst.«

Wenn radikale Ideen populär werden, ist dann nicht die Gesellschaft radikal? Wenn eine politische Seite zum Extrem ausholt, werden dann nicht moderate Positionen der anderen Seite verdrängt? Wenn unsere neue Definition gesellschaftlicher Vordenker ein Durchschnittsalter von knapp über Zwanzig hat und keine Lösungen parat, die sich noch nicht durch Massentod als unpraktisch erwiesen haben, brauchen wir dann höhere Ziele oder bessere?

Vielleicht wäre es gut, über die Grundsätze nachzudenken. Vielleicht könnte man aber zur Abwechslung dabei auch zu dem Schluss kommen, dass diese mitunter durch Erfahrung geformt wurden und gar nicht immer so verkehrt sein müssen. Denn…

Wenn man die Ideologie des ständigen Wandels akzeptiert, akzeptiert man auch die Vorstellung, daß das Leben eines Menschen auf sein individuelles Dasein beschränkt ist und daß die früheren und zukünftigen Generationen in seinen Augen keinerlei Bedeutung haben.

Elementarteilchen, Michel Houellebecq
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