Zarathustra verletzte die Maskenpflicht

Foto: Cheng Feng

Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verließ er seine Heimat und ging in das Gebirge, campen. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und vermisste nicht den Elektrosmog und die laute Musik der Nachbarn. So verbrachte er einige Tage, bis er sie zu zählen aufgab. Endlich aber wandelte sich sein Herz, – und eines Morgens stand er mit der Morgenröte auf, trat vor die Sonne hin und trug etwas Lichtschutzfaktor 20 auf.

»Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, welche dein Licht in Solarenergie umwandeln! Ich bin es leid, am Feuer beim immergleichen Fisch zu sitzen. Mir verlangt es nach etwas Brot und Wurst. Ich möchte konsumieren und etwas Geld ausgeben. Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends tust.«

Also begann sein Untergang.

Als Zarathustra in die nächste Stadt kam, die an den Wäldern liegt, fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte, das seltsame Masken trug und nervös zwischen den Ständen herumschlich. Eine Berührungsangst schien über die Leute gekommen und niemand sah ihm ins Gesicht, als er sich näherte. Nach einer Weile wurde es Zarathustra zu unheimlich, er ging nach einer jungen Frau, die eben einen Kohl inspizierte und tippte sie auf die Schulter.

»Weib, was hat es mit der Maskerade und dem Unbehagen der Heerde auf sich?«

Diese sprang jedoch unter einem Aufschrei fort, nicht weit standen Beamte, die aufschreckten – und ehe Zarathustra sich versah, wurde er in Handschellen vom Markt abgeführt. Auf der Wache wurde er von einem Polizisten ins Bilde gesetzt:

»An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als den Sinn der Erde. Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib, aber jetzt ist es Vorschrift, dass der Leib über alles geht.«

Zarathustra begehrte auf und wollte widersprechen:

»So wird die Heerde ja zum Imperativ! Dabei wollte ich doch gerade was vom Übermenschen erzählen!«

Daraufhin beugte sich der Beamte mit eindringlichem Blick nach vorn:

»Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist.«

Und Furcht lag in seiner Stimme.


Zarathustra verletzte die Maskenpflicht und Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Er hätte sich besser nicht allzu lange abseits des Marktes aufgehalten. Die inkrementelle Anpassung an eine neue Normalität sollte über deren Absurdität hinwegtäuschen. Was tun mit jenen, die der vernetzten Gesellschaft entlaufen, wenn sie wiederkehren?

In Deutschland liegt die Antwort auf der Hand, denn es ist das Land, in dem man ethnische Minderheiten mit dem Seidenhandschuh und geistige Abweichler mit dem Kantholz anfasst (s. Magnitz). Ja, die Frankfurter Baumschule und ihre Dialektik der Aufspaltung werden gegen jeden Kopf angewandt, der droht, außer Reichweite zu gelangen. Mit den Masken die unsichtbare Allgegenwärtigkeit der mittlerweile vermeidbar geglaubten Endlichkeit des Menschen bekämpfen. Es steht ins Gesicht geschrieben, wer vom Konsens abweicht, endlich!

Der Gesundheitsapostel Christian Drosten formuliert es in einem Interview so: Nicht sich selbst zu schützen, sei die Wirkung der Maske, sondern die Anderen zu schützen. »Ich sollte […] mir vorstellen, ich wäre infiziert.« (Welt, 00:40) Ja, die Vorstellungskraft mit Angstszenarien aufhalten, das macht jedenfalls das Regieren leichter.

Der Heerden-Schutz, der hier die Herdenimmunität wohl eher verzögert, ist einer des Geistes. Die Maske schützt vor Denunzianten wie vor der eigenen Skepsis gegenüber ihrer Sinnhaftigkeit, bis man schließlich vergisst, sie abzunehmen, selbst wenn keine Pflicht mehr herrscht. Wenn es einen unnötigen Aufwand darstellen wird, sie zwischen den Maskenpflicht-Zonen abzunehmen, dann wird sie vollends als neue Erweiterung der Visage angenommen. 

Der vorauseilende Gehorsam wird gejagt vom nacheilenden Zwang. Aber wo die Maske ist, da ist der Eindruck von Bedrohung. Und so ängstigen wir uns in die absolute Unmündigkeit – unsere Münder sieht man ja bereits nicht mehr.

Bloß keinen Hausarrest von Mutter Staat bekommen. Parole jeder Erziehung ist die Disziplinierung und ach, wie sehr schreien wir nach dem Schlagstock derzeit. Wie einsichtig sind wir bereit unsere Quarantäne zu verbüßen. Wie gerecht wird sich die Entbehrung der Urlaubserholung in den eigenen vier Wänden anfühlen, wenn sie vorsichtshalber auftritt.

Was ist schon ein Risiko anderes, im Personenkult, als die Gewissheit, dass es einen selbst treffen muss!

Derweil verhält sich die tatsächliche Gefahr in etwa so, als würfle man nach einer Sieben. Aber das Leben ist kein Spiel, so heißt es, und darum werden unbekannte (und bekannte!) Variablen aus dem Diskurs entfernt. Man kann ja sterben, also wieso sollte man sich mit jenen Szenarien abgeben, in denen dieser Fall nicht eintritt? Die spieltheoretische Idiotie, die jene des Spielsüchtigen noch übersteigt, nämlich die Annahme, dass ein Nullrisiko erreichbar sei, prägt die Politik.

Wollen Sie die Person sein, die ihr Leben lang zuhause blieb, um nicht vom Blitz getroffen zu werden, bis sie eines Tages die Treppe herunter fiel und sich das Genick brach? Oder wollen Sie Mut angesichts der Bedrohung zeigen und eine Prise selbstverleugnende Zuversicht gegen eine dekadente Öffentlichkeit? Denn eines ist unabwendbar: 

Eine Heerde, die Kritiker ihrer Dogmen verbannt, ist im Verfall begriffen.

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