»Zurück zur Mitte!«

Foto: Shawnn Tan

Ein Mäandern um niemals zeitgemäße Themen: Permanente Reaktion gegen permanente Revolution 

Die moderne Welt ist zwischen einem Streben nach extremer Einheit und extremer Individuation auseinandergerissen. Dies zeigt auf der einen Seite die Ablehnung offensichtlicher Wahrheiten wie die individuelle und kulturelle Verschiedenheit der Menschen und das Streben nach immer mehr Konformität, der Aufhebung von Grenzen zwischen Ländern, Kulturen und Geschlechtern, zwischen Spiritualismus und Materialismus, alles aber um der Freiheit und Entfaltung des Individuums Willen. 

Die Frage kommt auf, wo in dieser multioptionalen Gesellschaft unsere heutige Mitte stehen kann? Die politische Mitte kann es jedenfalls nicht sein, denn diese wird vom Zeitgeist seit Jahrzehnten nach Links getrieben, also besteht kein fester Grund im Politischen. Die Frage, was die Mitte einer Gesellschaft ausmachen soll, beschäftigte Denker seit der mythischen Zeit. Wichtig ist hier besonders das Konzept der Weltachse, die nach dem traditionalistischen Philosophen Rene Guenon mal als Kreuz Christi, mal als Weltenbaum in verschiedenen Mythologien in Ost und West (Yggdrasil im germanischen Mythos, Baum des Lebens im Alten Testament) auftritt. Im alten Abendland war jede Kathedrale oder einfache Kirche das Zentrum der Stadt, der Tempel Salomos in Jerusalem das Zentrum des Kosmos. Was steht heute in der Mitte unserer ,,Citys“: In Europa meist noch ein Rathaus, doch auch hier dringt die Amerikanisierung schon lange voran und der neuzeitliche, bürgerliche Stadtkern wird durch Einkaufszentren und Kinos ersetzt. 

Was geschieht, wenn nicht mehr der Glaube, sondern materialistisches Denken im Zentrum steht, sehen wir in der Corona-Krise. Vor wenigen Tagen wurde verkündet, dass die traditionell nach 22:30 Uhr stattfindende Christmette aufgrund der Ausgangssperre nicht stattfinden könne. Die evangelische Kirche hatte im vorauseilenden Gehorsam, wir kennen es ja aus der Geschichte, erklärt, an Weihnachten fast komplett auf Gottesdienste zu verzichten. Mit der Ausgangssperre fiel aber auch das Fallbeil über die immerhin über das Vorgehen uneinige katholische Seite. Erzbischof Schick von Bamberg betonte sogar in den sozialen Medien passend, „einen Lockdown der Seele darf es nicht geben“. Einige Bischöfe äußerten sich ähnlich. In diesen Sätzen tritt eine Weltsicht hervor, die heute ganz verschüttgegangen zu sein scheint. Nämlich die Überzeugung, dass das religiös-kultische, radikal über den materiellen Zuständen thronend, diesen enthoben und von diesen nicht berührt werden darf. Wir wollen an dieser Stelle vom aktuellen Beispiel Abstand nehmen, da es uns noch zu nahe ist und Fallstricke birgt. Der Abstieg ins zu Politische soll, wenn möglich, vermieden werden; das war, und wird noch Teil der Argumentation werden. Deshalb steigen wir im Folgenden in die mögliche Metaphysik des Satzes von Erzbischof Schick ein: 

Was heißt hier also Seele? Da er es so stark mit dem Kultischen verbindet, scheint es hier nicht um eine psychologische Analyse der Befindlichkeit in Corona-Zeiten zu gehen. Sondern um die Bewegungsmöglichkeit der Seele hin zu einer kultischen Mitte in der heiligen Messe. Aus der Kommentarspalte, aus der sinngemäß tönte, „Wozu brauche ich als Individuum eine Messe für mein Seelenheil?“, spricht jedenfalls Unbill. Hier wird Seele als eine streng individuelle, von der Welt getrennte Entität, also Wesenheit, verstanden. Dieses Denken kommt letztlich aus der frühen Neuzeit, prominent von Descartes vertreten, der die ausgedehnte von der geistigen Sphäre schied, in seiner Vorstellung freilich durch die Zirbeldrüse verbunden, ein organischer Immanenzüberwinder, wie er heute noch in der Esoterik beliebt ist. Dabei konnte im vorwissenschaftlichen Denken nur der Genuss des Leibes und Blutes Christi in der Eucharistie, (und in den anderen Sakramenten, etwa der Beichte) die Seele durch die Versöhnung mit Gott ihre Einheit mit dem Absoluten zumindest erahnen. Freilich war Gott im Mittelalter nicht nur durch die Gemeinschaft im Abendmahl, sondern, nach dem Hl. Thomas, auch durch die natürliche Vernunft über seine berühmten Gottesbeweise näher zu kommen. An dieser vernunftmäßigen Annäherung an Gott hielt auch Descartes fest, erst Kant machte damit Schluss und erklärte Gott zur regulativen Idee. Das hört sich wichtig an, verbannt jedoch Gott in den Ideenhimmel, der zwar unantastbar und unwiderlegbar, aber auch eben durch die Vernunft unerreichbar sei. Und auch wenn Kant die Offenbarung völlig gelten lässt, scheint mir diese Vorstellung nicht mit einem lebendigen, wirkenden Gott würdig. Dies ist nicht mehr der Gott, der als Geist zu uns herabsteigt, um uns in seiner Sendung an Pfingsten zu sammeln. Viel mehr ähnelt diese Vorstellung den intermundial aufhaltenden Göttern der Epikuräer, die sich nicht um die sterblichen kümmerten. Auch Kant konnte also den Deismus der französischen Aufklärung nicht überwinden. 

Heute ist es freilich andersherum und das sehen wir an diesem gerade erfolgten kurzen Abriss der neuzeitlichen Geistesgeschichte: Nicht Gott vom Menschen, sondern zumindest von einem oberflächlichen Blick aus, (denn letztlich ist die Freiheit des Menschen zum Bösen doch nur Teil des göttlichen Weltenplans) hat sich der Mensch im Lauf der letzten 500 Jahre immer stärker vom Göttlichen als Centro des gesellschaftlichen Lebens abgewandt. Gott ist, wieder wie bei Kant, maximal noch ethischer Gesetzgeber, was natürlich seinen Wert hat, doch das ethisch Gute kann nicht ohne das Wahre und Schöne bestehen. Deshalb tendiert das moderne Rechtsleben entweder zu einem konsequenten Positivismus oder proklamiert ein schwammiges Naturrecht, das aufgrund dieser Schwammigkeit freilich größtes Opfer des Rechtspositivismus wird. Im göttlichen Recht aller Völker, nicht nur im christlichen Europa, wird die „praktische“ und „ideelle“ Seite des Rechts immer zusammengedacht und verhindert so im Großen und Ganzen einen Missbrauch des Rechts. Eine Rechtsverletzung würde eine Strafe Gottes oder der Götter nach sich ziehen. Dafür gibt es tausende Geschichten aus Mythos und Offenbarung. Kreon verletzt das göttliche Recht, als er aus Staatsräson verbietet, den gefallenen Verrätern an der Polis das von den Göttern gewollte Begräbnis zu gestatten, und Antigone lebendig begraben lässt, als diese ihre Verwandten trotzdem zur Ruhe bettet. Hier stehen zwei Weltanschauungen einander klar gegenüber: Kreon als Vertreter der „modernen“ absoluten Polis, die alle Macht für sich beansprucht und selbst das Religiöse kontrollieren will, dagegen Antigone als Verteidigerin des Fanum, das vom Pro-Fanen, das ursprünglich einfach den Bereich vor den Tempelmauern beschrieb, enthoben ist. Die gleiche Entwicklung geht auch dem modernen Staat voraus, man denke an Hobbes „Leviathan“ oder an französische Theoretiker des absoluten Staates wie Bodin. Gleichzeitig beobachtet man mit Schrecken eine Pro-Fanisierung der Kirchen in der Reformation. Es ist die Überwindung des ersten durch den zweiten Stand – eine, außer in den protestantischen Ländern zwar fast stille Revolution, – und doch verschiebt sich hier als erstes die Mitte hin zu einer Verherrlichung der Macht des Fürsten, die sich freilich aufgrund der Sakralität dieses Standes noch als Verherrlichung Gottes tarnt und scheinbar in Einheit mit dem Klerus auftritt. In Wahrheit hat die Macht aber doch den Geist überwunden. Konnten im materiellen Sinne machtlose Päpste im Mittelalter noch Könige und Kaiser absetzen (der Kaiser wollte im Konflikt mit dem Papst im 11. Jahrhundert eher selbst eine Art Priesterkaiser werden, wie es im „Reichskirchensystem“ vorgesehen war, also die erste Stelle einnehmen, nicht den ersten Stand entmachten, sondern ersetzen), so wird der Kirchenstaat im Laufe der Neuzeit doch immer mehr zum weltlichen Fürstentum wie jedes andere auch. Zur gleichen Zeit verfällt natürlich auch die kaiserliche Würde, ohne je ihren sakralen Gehalt freilich ganz einzubüßen. In Frankreich wurden etwa noch dem letzten Bourbonenkönig Karl X. Heilungen zugeschrieben und noch 2004 wurde Karl I. von Österreich seliggesprochen. Aber für einen rationalen Staat ward dieses angebliche „Proborium“ ab dem 19. Jahrhundert nicht mehr wichtig, nicht ohne sich freilich in den Totalitarismen Ersatzkulte zu schaffen. Die Geschichte ging über die fürstliche Gewalt hinweg, da die kultischen Grundlagen eines jeden Staates, teilweise von den Fürsten der Neuzeit selbst initiiert, weggebrochen waren. 

Von dieser Basis, diesem „Fels“, wie Christus sie nennt, müssen wir jetzt sprechen, nachdem wir bisher von ihren Ausflüssen, dem zweiten Stand und dem Rechtsleben gesprochen hatten. Staat, Recht, Militär etc. sind im vormodernen Weltbild nämlich nicht Selbstzweck, sondern in ein kosmisches Bild der göttlichen Weltordnung eingebunden. Im Kultus, so Evola in „Revolte gegen die Moderne“, wird diese Ordnung kondensiert nachgespielt. Das Opfer ist hierbei das Entscheidende, wodurch der Mensch eine Verbindung zu dieser göttlichen Ordnung herstellen kann, um sich mit ihr zu versöhnen. Auch wenn der Priesterstand der Ausführende ist, nehmen doch alle Stände teil an diesem göttlichen Spiel. Das Spiel ist doch des Menschen eigentlicher Ernst. Wir können ja als Sterbliche bloß Spieler, Nachsteller des wahren göttlichen Dramas oder Komödie sein. Eine Unio Mystica kann es in diesem Leben, wenige gottbegnadete Propheten und Mystiker ausgenommen, nur im partizipativen kosmischen Theater des Kultus geben. Diese Wahrheit teilten alle alten Kulturen. Im Christentum gibt es das Konzept der von Christus eingesetzten 7 Sakramente, die den Raum des Heiligen erweitern, zum Beispiel in der Ehe. Damit hat das Christentum gleichzeitig das große Verdienst, die Welt nach dem Ende der Antike neu verzaubert zu haben, gleichzeitig aber die Gefahr vergrößert, dass das Heilige mit dem Profanen vermischt wird. Daraus speist sich die Kritik an der Prachtentfaltung des Katholizismus seit den großen Armutsbewegungen des 12. Jahrhunderts, aber auch die oft beklagte und doch der geschichtlichen Entwicklung entsprechende „Politisierung“ der Kirchen in den letzten Jahren, die freilich, wie vorhin beschrieben, nur Endpunkt der Entsakralisierung des Staates ist (der Staat, der sich danach freilich selbst zum Gott erhebt). Und an dieser Stelle möchte ich klar für das Schöne und Mächtige in der Religion Stellung beziehen, jede puritane Bilderstürmerei ist mir ein Gräuel. Denn Gottes Wesen, wie es sich dem Menschen in der Offenbarung zeigte, gehört nicht dem Seienden an, sondern ist Erscheinung oder besser „Aufscheinung“, einer wahren Sonne gleich. Deshalb braucht Gott einen Ort der Manifestation: Dornbusch, Tempel, Opfer, Eucharistie. Diesen Erscheinungscharakter festzuhalten ist Aufgabe religiöser Kunst. Sie bringt uns dem kosmischen Geschehen näher. Aber: Freilich kann und darf Gott nie ganz als Gegenstand abgebildet werden. Deshalb betonen viele große Kirchenväter den Vorrang des Hörens, die Momente der Stille, um Gottes Wort zu lauschen, vor dem Schauen. Es ist die Aufgabe der großen Einsamen, der Eremiten, nicht nur der Wüstenväter, sondern aller Bewohner von Wüsten aller Zeit. Und leben wir nicht in der Einöde der Moderne, in der sich gerade über eine Wiederentdeckung des Hörens auf Gott der verlorene Sinn für das Schöne neu entfalten kann? Ein goldenes Gehäuse ohne Inhalt ist Pharisäertum, das ist wahr, aber deshalb dürfen wir die sinnliche und innerliche Suche nach Gott nicht gegeneinander ausspielen. Auch in der angeblich die Innerlichkeit scheuenden katholischen Kirche gab es eine gewaltige Linie von Mystikern, wie Theresa von Avila, Heinrich Seuse und Angelus Silesius. Gott hat den Menschen Augen und Ohren gegeben. Indem wir uns und den Kosmos als einen Organismus zusammenwirkender Kräfte begreifen, können wir uns durch unsere göttliche Vernunft (Logos) in den göttlichen Logos, der als Wort Gottes, das wieder in Christus nahbar wird, in diese Ordnung eingliedern und so zur Heilung des Risses zwischen Geist und Körper, Gott und Mensch, Natur und Technik, Kunst und Kultur, beitragen. 

Aber eben nur als Abbild einer göttlichen Ordnung. Wir bleiben Individuen und dürfen weder an eine alles Bewusstsein auslöschende und mit dem Absoluten verbindende Allversöhnung hoffen, noch auf einen weltlichen Erlöser, der von oben für das Kollektiv schon alles regelt, wie ihn die quasignostische QAnon-Bewegung in Trump sah. Selbst dieser, neben all seinen persönlichen Fehlern sehr friedliche Präsident, wurde schließlich (wahrscheinlich) doch klar abgewählt. Auf das Volk als Wahlmasse ist also nicht zu bauen, ebenso wenig wie auf eine Volksrevolution. Welches Volk soll diese denn vollziehen? Volk ist geordnete Masse, aber das haben wir seit bald 200 Jahren nicht mehr. Wie homogen und zielbewusst ist denn die Anti-Corona-Maßnahmen-Bewegung? Gleichzeitig muss die Idee der Gegenseite, – und sie ist durchaus Gegenseite im tiefen, verneinenden Sinn – durch einen „Great Reset“ den Status Quo planungsmäßig umzuwerfen und eine neue Weltordnung zu schaffen, gründlich widersprochen werden. Dieser rein technische Entwurf tut Mensch und Welt Gewalt an und führt zur Unordnung, nicht zur Ordnung. Nein, die Revolution in ihrer ursprünglichen Bedeutung, also als Bewegung des göttlichen Kosmos im Ganzen, muss in jedem Einzelnen wieder aufgenommen werden. Kleingruppen in Kirche, Vereinen, Verbindungen oder auch nur privaten Freundeskreisen sind hierbei hilfreich. Und natürlich der regelmäßige Besuch von Formen kultischer Religiosität. In dieser individualisierten Gesellschaft haben wir die Möglichkeit und die Pflicht, Ordnung zu stiften, aber nicht, wie die fehlgeleiteten Vordenker des „Great Reset“ es planen, erst einmal durch eine Krise alles umstoßen zu müssen. Nein, wir müssen der Überzeugung sein, dass nicht aus dem Chaos, sondern nur aus Zusammenhalt, in Glaube, Liebe und Hoffnung in dieser königslosen Zeit Ordnung neu errichtet werden kann. Jesus beschreibt nicht ohne Grund das Reich Gottes als Senfkorn, das, im Kleinen angefangen, einst gewaltig über der Welt thronen wird. In diesem Gleichnis vom Reich Gottes scheint mir das reaktionäre (endlich sind wir bei diesem Wort) Weltverständnis am besten verdeutlicht: Es sucht das Große im Kleinen, den Makrokosmos im Mikrokosmos, es ist antirevolutionär, gar antipolitisch, zumindest wenn diese Bewegungen das Sakrale und die göttliche Ordnung angreifen und umzukehren drohen. Dieses Denken sucht nicht nach dem romantischen Ur-Anfang und sehnt nicht nach einem utopischen Ende der Geschichte, sondern denkt ganz zeitlos zu einer Mitte hin, einer Ruhe des göttlichen Kosmos, um die sich die ganze Schöpfung schart, die sich in Christus am Kreuz, das nach verschiedenen Traditionen aus dem Holz vom Baum des Lebens, der Weltenachse, gemacht ist, darlegt und im Kultus in der Eucharistie nachvollzogen werden kann. Um diese Mitte schart sich in einer permanenten Re-Aktion, wie gesagt, die ganze Welt und somit auch die ganze Geschichte. Deshalb erklärt der große katholische Philosoph und Soziologe Eric Voegelin in Auf der Suche nach Ordnung, dass die großen Erzählungen der Menschheit nicht am Anfang, sondern notwendigerweise in der Mitte beginnen, von sinnstiftenden einzelnen Geschichten (Logoi) in Ewigkeit ausstrahlen und zurückkommen. 

Nehmen wir nun als innere Eremiten der Moderne die verlorenen Fäden dieser Erzählung, dieser Philosophia Perennis im wahren Sinne des Wortes, wieder auf und verbinden ihre Fäden zurück zu ihrem Zentrum, das im alt-abendländischen Verständnis Christus ist.

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