Informationskrieg und digitale Stammesgesellschaft

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Der Trend zur digitalen Realität

Unser Alltag bewegt sich auf den Punkt zu, an dem das Leben aus der analogen Wirklichkeit unwiderruflich in die digitale Realität kippt. Dort halten wir uns bereits heute überwiegend auf, unabhängig von der zeitlichen Dimension: Einen Großteil aller Informationen nehmen Menschen im 21. Jahrhundert über technologische Kanäle auf. Die eigene körperlich-räumliche Erfahrung wird zur Nebensache.

Diesen Trend bestätigen mitunter die technologischen Marktführer, die sich einer Entwicklung des ›Metaverse‹ zuwenden. Ein prominentes Beispiel ist Mark Zuckerbergs Entscheidung, Facebook in ›Meta‹ umzubenennen. Doch auch eine Digitalisierung von Besitzrechten, wie sie sich mit dem Aufstieg von NFTs und Kryptowährungen abzeichnet, legt einen Paradigmenwechsel nahe. Die erste Generation, die mehr Zeit am Smartphone als auf dem Spielplatz verbringt, ist längst geboren. Wir können die Geschwindigkeit dieser Entwicklung also nur unterschätzen.

Mit steigender Zugänglichkeit von Informationen nimmt zwangsweise auch das Risiko zu, Opfer von Desinformation zu werden. Der Unterschied zwischen einer Unwissenheit – wie sie sich beispielsweise im Kindesalter durch magisches Denken ausdrückt – und einem Irrglauben ist die Offenheit für neue, widersprüchliche Erkenntnis. Wenn wir gehäuft von ›Verschwörungstheorien‹ sprechen, die über soziale Medien mehr Anhänger denn je erreichen, haben wir es mit alternativen, kollektiven Wahrnehmungen zu tun. Sie ernähren sich von einem unauslöschlichen, mystischen Rest an blinden Flecken. Und sie machen uns unempfänglich für eine Korrektur etablierter Überzeugungen.

Will man heute eine Aussage auf ihren faktischen Gehalt überprüfen, stellt man meist eine Google-Suche an, schaltet den öffentlichen Rundfunk ein oder befragt die Website seines Vertrauens. Dabei gibt man die Frage, was wahr ist, gänzlich an Dritte ab. Die weitaus Größten dieser gemeinhin anerkannten Wahrheitsinstitutionen sind in der Gegenwart an einer Hand abzuzählen. Die Wenigen haben unverhältnismäßig großen Einfluss auf die Wahrnehmung der Vielen, die Digitalisierung ist hierfür der Hebel.

Desinformation spielt die menschliche Neugier gegen uns aus, mit der wir unsere Aufmerksamkeit auf neue Themenkreise und Details zu lenken vermögen. Sie kann im digitalen Zeitalter das Verhalten großer Menschengruppen manipulieren, Kriege anfangen und beenden – vermutlich auch ersetzen. Den Wahrheitsgehalt der digitalen Informationen in der analogen Welt als Einzelperson zu überprüfen, ist aufgrund des asymmetrischen Volumens beider Sphären weitestgehend unmöglich. Es ist naiv, zu glauben, dass nur offenkundige Verschwörungstheorien diesen Umstand ausnutzen. Vielmehr müssen wir anerkennen, dass der Informationskrieg längst Realität ist. Und man führt ihn nicht nur zwischen Nationalstaaten.

Informationskrieg im 21. Jahrhundert

Wo liegt in einer solchen Welt der Unterschied zwischen einem tatsächlichen Gefecht und der ›offiziellen‹ Behauptung, dass ein Gefecht stattgefunden habe? Wenn im Krieg die meisten Soldaten von ihrer Niederlage überzeugt wären, würden sie dementsprechend handeln. Wenn man sie glauben machte, sie hätten gewonnen, ebenso. Selbstverständlich ist das Arsenal der Propaganda angewachsen, sodass auch mit Leichtigkeit die eigene Truppenmoral durch Desinformation gestärkt, die des Gegners geschwächt werden kann. Und ähnlich verhält es sich zwischen Völkern und ihren Regierungen.

Beispiel: Donald Trump säte in der letzten US-Wahl Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Wahlergebnisses. Einschlägige Medien spitzten dieses Narrativ weiter zu. Als Resultat stürmten einige Querulanten das Kapitolgebäude. Beispiel: Ein Handyvideo, das den Tod eines Afroamerikaners bei der gewaltsamen Verhaftung durch die Polizei zeigt, wird kurz vor der US-Wahl politisch aufgeladen. Dies bringt weltweite Proteste und Ausschreitungen mit sich. In beiden Fällen formten selbst die meisten Deutschen schnell ihre Meinung. Das tatsächliche Detailwissen zu den Umständen blieb jedoch stets dürftig.

Im Zusammenhang mit solchen Ereignissen wurde der Begriff des Narrativs geprägt. Anhand von vereinfachten, verkürzten und nicht immer wahren Erzählungen transportieren wir die digitale Wahrnehmung auf die Straße und formen eine neue, meist kollektive Identität. Im Rahmen der Covid-19-Pandemie werden die institutionellen Quellen besonders extrem zum Scheidepunkt der Gesellschaft. Man teilt sich in ›Gegner‹ und ›Befürworter‹ auf, identifiziert sich mit einer ›Seite‹ und wird entsprechend politisch nützlich gemacht. Entweder als Unterstützer der Politik oder als Sündenbock, der den Zusammenhalt der Unterstützer festigt und somit effektiv die Unterstützung erhöht.

Zwar kann man heute durch die größere Verfügbarkeit von Video- und Audiomaterial mehr Aussagen selbst überprüfen. (Deep Fakes drohen dies zu verwerfen.) Doch zugleich können noch viel mehr Aussagen getroffen werden, sodass zu jedem Zeitpunkt ausreichend Ablenkung geschaffen werden kann, um die Bürger über wenigstens einige Tatsachen im Dunkeln tappen zu lassen. Die digitalen Institutionen ersetzen analoge Zeitungen in der Deutungshoheit gesellschaftlicher Zustände.

Menschliche Wahrnehmung wird somit zum Gegenstand von Informationsarchitekten und -ingenieuren. Im familiären Kreis spricht man über Dinge, die man auf Bildschirmen erfahren hat, die nicht aus erster Hand stammen, vielmehr weitergegeben werden. Wir scheinen dazu gezwungen zu sein, uns mit einem vorgegebenen Sortiment aus Meinungen und Ereignissen auseinanderzusetzen. Persönliche Prioritäten, Interessen und Bedenken werden durch den resultierenden sozialen Druck weiter verdrängt.

Prognose: Die digitale Stammesgesellschaft

Sicherlich hat man sich schon immer in Interessensgruppen, Teams und Parteien unterteilt. Und in vielerlei Hinsicht sind wir heute vernetzter denn je. Doch es ist nicht länger eine geteilte analoge Erfahrung hauptverantwortlich für das individuelle Zugehörigkeitsgefühl. Daher wird die unmittelbare Zukunft vermutlich eine zunehmende Segmentierung und Spaltung der Gesellschaft in globale, digitale Stämme mit sich bringen.

Einige Philosophen, die diese Prognose teilen, übersehen allerdings, dass die Folgen hiervon sich hauptsächlich in der analogen Welt manifestieren werden. Schon jetzt nimmt eine erneute politische Strömung an Fahrt auf, die mithilfe von Taktiken, wie man sie im Informationskrieg antrifft, in den Alltag ganzer Völker formend eingreift. Die digitale Stammesgesellschaft wird eine post-freiheitliche sein, in der man die Meinungsfreiheit als veraltetes Ideal zugunsten der Nützlichkeit und Gnosis von Polarisierungen opfert.

Wirtschaftlich schädliche Entscheidungen können von Politikern mittlerweile mit idealistischen Argumenten gerechtfertigt werden, die letztlich bloß eine selektive Moralität signalisieren. Dasselbe gilt schon etwas länger für demographische Manipulationen und Steuererhöhungen (siehe Solidaritätszuschlag etc.) – scheinbar unvernünftiger Umgang mit der analogen Realität lässt sich jedoch regelmäßig hervorragend mit digitalen Stammeszugehörigkeiten erklären. Zum Nachteil unseres physischen Wohlergehens.

Und verschiedene und verfeindete Gruppierungen im Informationskrieg werden sich plötzlich im selben analogen Lebensraum wiederfinden, nicht länger geeint von Nation und Lebenserfahrung: Sie werden den Streit der Ideen und Informationen auf die Straße tragen und in physische Gewalt übersetzen. Der beste Begriff, der uns für diese Zustände einfallen wird, ist ›Bürgerkrieg‹. Doch die Fraktionen und Fronten werden mitten durch soziale Schichten, regionale Kreise und selbst Religionen verlaufen.

Eine konstruktive Zeit der Menschheitsgeschichte, eine Erzählung vom technologischen und wirtschaftlichen Aufschwung geht zu Ende. Ein Zeitalter der Destruktion und Zerspaltung hat seinen Anfang genommen. Es besteht nur ein Ausweg, indem sich ideologische Gruppierungen wieder in gemeinsame Territorien begeben. Es mag pessimistisch sein, ein Ende der digitalen Echokammern auszuschließen. Doch letztlich verhindert nur die räumliche Trennung und Distanzierung von verfeindeten Gruppen eine physische Eskalation.

In der Isolation wird hoffentlich wieder die Idee des Individualismus Früchte tragen, aufkeimen und das Argument der Eigenverantwortung Gehör finden. Doch mutmaßlich wird dieser Prozess Jahrzehnte benötigen, um den Kreis zu schließen. Man kann ihm als Individuum nur entgegentreten, indem man Grundrechte und Freiheiten als unverhandelbar verteidigt. Indem man seine Ideen mit Andersdenkenden teilt und ihnen umgekehrt zuhört. Doch wer kann diese Last allein ertragen?

Till Nordbruch
Herausgeber des Philosophie Journals

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