Vernunft, die Dienerin des Zeitgeistes

Foto: Ukenaut

»Reason is the servant of the passions.«

David Hume

In einer post-religiösen, aufgeklärten und wieder verklärten Gesellschaft wurde die Vernunft zum unfehlbaren Wegweiser politischen Handelns erklärt, nein, postuliert muss man sagen. Die Demokratie macht es sich zum Grundsatz, jedem mündigen Bürger zwei Fähigkeiten zuzusprechen: 1. Jeder Bürger habe gerechtfertigte Interessen. 2. Jeder Bürger sei in der Lage, diese Interessen in eine aktive Teilnahme an der Zukunft der Nation fließen zu lassen.

Das Instrument beider Fähigkeiten ist die Vernunft. Was im eigenen Interesse liegt, das ist psychologisch oft undurchsichtig und erfordert gründliche Introspektion. Wie diese Interessen effektiv verfolgt werden können, das verlangt nach kreativem und pragmatischem Blick nach außen. Logische und kausale Zusammenhänge in einem dicht verwobenen Netz der globalen Giga-Gesellschaft aufzudecken, ist allerdings mehr als eine Lebensaufgabe.

Ein Schelm, der die Demokratie gegen sich selbst ausspielen möchte! Bräuchte man doch lediglich Verwirrung zu stiften, um diesen Vernunftprozessen Hölzer zwischen die Räder zu werfen (»Das Patriarchat mit dem Kant-Holz bekämpfen!«). Die Vernunft kann verarbeiten, was für die Realität genommen wird – man kann sie aber auch damit aufhalten, die Realität erst bergen zu müssen.

Der Journalismus hat sich in seinen modernen Anfängen darum bemüht, dem Bürger diese Bergung abzunehmen. Mittlerweile sind viele jedoch eher darauf aus, eimerweise Schlamm darüber zu kippen. Wer erst ›Haltung‹ von Bericht, Meinung von Wissen und Lüge von Wahrheit trennen muss, dessen Vernunft wird gegen ihn ausgespielt.

David Hume sagte, die Vernunft sei Dienerin der Passion. Der Moralpsychologe Jonathan Haidt befindet in seinen Studien The Righteous Mind, dass der Philosoph damit Recht behält. Probanten urteilten moralisch aus der Intuition heraus, die Rechtfertigung für das Urteil erfolgte dann post hoc.

Nun, wenn der Mensch wenigstens seine Passion, sein Interesse einbringen dürfte, auch wenn dieses nicht vernünftig sein könne, dann hätte die Demokratie sich nicht zu sorgen. Doch ich möchte einen Schritt weitergehen, indem ich Hume nun Heidegger zur Seite stelle.

Martin Heidegger legt in Sein und Zeit dar, was man sehr verkürzt als die Diktatur des Man bezeichnen kann. Das Man ist dabei das uneigentliche Handeln, das von der massenpsychologisch beeinträchtigten Gruppe ausgehen kann, ohne dabei dem Interesse irgendeines Mitglieds zu entsprechen. Ich denke, wenn heute vom Zeitgeist gesprochen wird, steckt darin wenigstens eine Prise des Man – und mehr braucht es nicht für eine Verfälschung der demokratisch ausgeschriebenen Ideale.

Alain de Botton beschreibt dieses Ethos der Gesellschaft als »farbloses, geruchloses Gas« (– und kam dabei Covid19 erstaunlich nahe – Notiz des Verfassers).

Wenn das Volk von seinen individuellen und kollektiven (tatsächlichen!) Interessen mithilfe von ›political correctness‹ und Massenpanik entbunden wird; wenn der Bürger im Interesse von Minderheiten wählen soll; wenn die Haltung mehr zählt als die Überzeugung; wenn das Ideal wichtiger wird als das Prinzip und man den Zusammenhang der Ästhetik opfert… dann regiert der Zeitgeist, nicht das Volk.

Und so wurde die Vernunft zur Dienerin des Zeitgeistes.

Eine Rückkehr zur authentischen Teilnahme an der Öffentlichkeit kann nur erreicht werden, indem das Individuum in zarathustrischer Monaden-Manier das Weite sucht und erst nach Erkenntnisgewinn zurück in die Masse tritt. Man legt ihm jedoch nahe, dass dies unsolidarisch sei.

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