Von Glockenkurven, Freiheit und Fortschritt

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Wer will noch frei sein? Zu viele Menschen gibt es mittlerweile im analogen und digitalen Umfeld. Es fällt zunehmend schwer, seine Verwandtschaft mit ihnen zu leugnen, ist man doch gleich in so vielen Dingen. Doch ebenfalls trifft man nun das Fremde an, das grundsätzlich verschieden scheint. Je größer die Menschenmenge, desto mehr Ausreißer, mehr Abnormitäten. Wie verwalten wir die Masse, die jedes Extrem enthält? Gehen wir sorgsam mit ihr um oder wählen wir den Weg des geringsten Widerstands? Eine Frage von Glockenkurven, Freiheit und Fortschritt.

Ganz besonders normal verteilt

Bei der Vermessung des modernen Menschen, ganz gleich, welche Metrik man wählt, bequemen sich die Datenpunkte regelmäßig zu einer Glockenkurve. Diese bildet die natürliche normale Verteilung der Eigenschaftsqualität ebenso wie die evolutionäre Varianz ab. Die meisten Menschen liegen in jeder Hinsicht eher nah als fern zueinander – dies ist die Glocke. Außerhalb deren Ränder finden sich die statistischen Ausnahmefälle, die gerade in ihrer Unregelmäßigkeit zur Regel gehören.

Quelle: Mensa.ch

Der Hauptgrund, warum wir uns als eine Spezies definieren können und auch wahrnehmen, ist der Umstand, dass wir in den meisten Metriken individuell eher zentral in der Normalverteilung liegen. Finden sich dennoch einige kollektive Unterschiede in der Verteilung, kann man anhand ihrer Gruppen bilden. Es ist beispielsweise bemerkenswert, einen 2m großen Mann zu sehen, aber unwahrscheinlicher, eine 2m große Frau zu finden. Absolut undenkbar wäre derweil ein 10m großer Mensch egal welchen Geschlechts.

Die Verteilung des Intelligenzquotienten funktioniert ganz ähnlich. Die absolute Mehrheit aller Menschen siedelt sich in Deutschland um den Durchschnitt von 100 herum an, mit dem wir im Ländervergleich auf Platz 15 liegen.1 Innerhalb Europas bewegen sich die meisten Nationen hier zwischen einem Durchschnitt von 110 und 90.

Es gibt jedoch den kleinen Bruchteil der Bevölkerung, der radikal von diesem Durchschnitt abweicht, in beide Richtungen. Die schlausten und dümmsten Menschen gewissermaßen, die lediglich 0,26% aller ausmachen. Von 1.000 Deutschen wäre demnach wohl etwa einer ein absolutes Genie und einer ein besonderer Idiot.

Wie geht die Mehrheit mit diesen Minderheiten um. Sollte den Ausreißern politische Relevanz beigemessen werden? Sollte man sie der Einfachheit halber übergehen? Gehen besondere Eigenschaften mit besonderen Bedürfnissen einher; und sollten diese Gehör beim Staat finden?

Nun, wollen Sie ihr Leben lieber in die Hände des besten Arztes legen oder des normalsten? Zitieren Sie heute noch Max Mustermann oder eher Albert Einstein? Kurz, sind es nicht die Extreme, die uns so brennend interessieren sollten?

Die Faktenlage ist schmerzhaft für den modernen westlichen Menschen, der sich lange versucht hat einzureden, er sei besonders und einzigartig. Dies stellt sich leider als idealisierte Vorstellung heraus, wenn man das große Ganze betrachtet. Individualität zeigt sich in den Details, aber insgesamt sind die meisten Menschen sich ähnlicher als fremd. Wer will im Durchschnitt der Intelligenz liegen? Wer darunter?

Die Flucht wird angetreten zur absoluten Gleichheit, bei der dann wenigstens auch niemand überlegen sei. Doch heikel wirkt dann der Vergleich verschiedener Menschengruppen miteinander. Wie damit umgehen, dass Männer und Frauen sich nach verschiedenem Muster auf der Intelligenz-Skala verteilen?

Quelle: Genetikum

Ab einem Alter von 14 ist der durchschnittliche IQ eines Mannes 5 Punkte höher als der einer Frau.2 Während Frauen allerdings enger um den Durchschnitt verteilt liegen, ist die Glockenkurve der Männer flacher. Das heißt, mehr Männer sind Idioten und Genies als Frauen. Ein Schelm, wer damit die niedrigere Lebenserwartung von Männern ebenso erklären will wie die mangelnde Repräsentation von Frauen in den Fortune-500 Unternehmen.

In den Extremen zeigen sich die Unterschiede extrem, egal wie gleich die meisten sich sein mögen. Doch auch im breiteren Stil können sie auftreten.

Die proklamierte Gender Paygap, eine Diskrepanz zwischen dem Durchschnittsgehalt von Mann und Frau, wird mittlerweile seit Jahren als politischer Treibstoff eingesetzt. Das erscheint angesichts der Tatsache, dass eine Differenzierung der Studie sie deutlich entschärft, recht unverantwortlich. Wir können uns nicht über Unterschiede im Detail beschweren und zugleich unter der Prämisse argumentieren, dass beide Gruppen in jeder anderen Hinsicht gleich seien.

Freiheit zum Fortschritt

Die Menschheit steht auf den Schultern von Riesen. Alle technologischen und wissenschaftlichen Errungenschaften, alle politischen nachhaltigen Veränderungen, alle Heldentaten und Verbrechen werden von einem Bruchteil aller Menschen hervorgebracht. Luther übersetzte die Bibel und stieß eine Bewegung an. Timothy John Berners-Lee begründete das Internet. Einstein entwickelte die Relativitätstheorie. Und Angela Merkel ist seit langem Hauptverantwortliche der Regierung Deutschlands.

Die Ausnahmefälle sind verantwortlich für Veränderungen. Ohne sie stagniert der Durchschnitt. Ohne ihre Bereicherungen bleibt der Durchschnitt arm. Nicht auf die Ausreißer zu achten ist verschwendetes Potenzial, denn sie zeigen uns, was möglich ist.

Dank Steve Jobs Vision halten heute auch viele durchschnittlich intelligente oder kreative Menschen ein Smartphone in der Hand, das ihre Fähigkeiten potenziert. Dank den Entwicklern von Google ist auch ein unterdurchschnittlich gebildeter Mensch dazu in der Lage, praktisch auf alles Wissen der Welt zuzugreifen. Wir sind so fortschrittlich, wie wir auf die intelligente und kreative Elite hören, uns von ihr den Weg zeigen lassen.

Das aristokratische Konzept der obersten 1% der Glockenkurve… sicherlich ist es nicht uneingeschränkt ratsam, diesen Wenigen unser Schicksal anzuvertrauen. Ganz sicher ist es aber vollkommen rückschrittlich, aus verfehlten Gerechtigkeitsbestrebungen diese Ausreißer zu bremsen und zu bestrafen. Die Zielsetzung einer geschlechtlichen Parität etwa wäre ein solcher Fehler.

Die Meritokratie, das Ausrichten von Hierarchien nach Kompetenz im kapitalistischen System, dient der Förderung von Wohlstand und Fortschritt einer ganzen Nation, eines Kontinents, der Welt. Unsere Wertschätzung der Besten darf ausschließlich auf Qualitätsmerkmalen basieren. Es ist eine vollkommen irrelevante Wertungskategorie, hier die geschlechtlich-körperliche Beschaffenheit des Personals in die Gleichung aufzunehmen. Tut man dies, entfernt man sich von der Leistungsorientierung.

Aller gesellschaftlicher Zweck der Arbeit kann jedoch nur Leistung, das Hinarbeiten auf etwas sein. Mag man selbst auch eine Arbeit als Selbstzweck verfolgen, können im öffentlichen und damit im politischen Interesse nur die Fragen nach Nutzen und Effizienz legitim gestellt werden. Eine Arbeit bewusst weniger effizient zu erledigen, um soziale Gleichheit zu forcieren, ist die Kapitulation des Kapitals. Es mag einen gewissen Wohlfühlfaktor auf kurze Sicht mit sich bringen – auf Dauer wird jedoch die Leistungseinbuße auch die durch Quote eingestellte Person selbst treffen.

Wenn es keine Leistungsoptimierung gibt, dann sinkt die Leistung oder stagniert wenigstens. Man kann also von einer theoretisch endlichen Summe der Leistung sprechen. Diese, auf einer Glockenkurve veranschaulicht, befände sich links von der Glocke des Leistungspotenzials. Nicht nur wäre die gesamte und durchschnittliche Leistung niedriger, wenn man statt der Allerbesten die Zweitbesten mit dem richtigen Geschlecht einstellte. Die Leistungsspitze, die oberen 1%, blieben noch weiter hinter dem Möglichen zurück. Für das ›jenseits des denkbar Guten‹ gibt es schließlich keine Qualifikationsanforderungen im Einstellungsgespräch, die als Gegengewicht für das Geschlecht in die Waagschale gelegt werden könnten.

Eigentlich ist es einfach: Wer Leistung möchte, der legt den Schwerpunkt auf Leistung mit dem Risiko, dass sich Unterschiede von Menschengruppen in den Extremen zeigen. Diese Unterschiede zu korrigieren würde den Schwerpunkt jedoch ganz anders setzen. Zwangsweise ließe die Leistung dann nach. Erstrebenswert kann das nur für jene sein, die lieber durchschnittlich sein wollen, als ihr Potenzial auszuschöpfen. Ganz sicher abstoßend muss es aber für jene sein, die dadurch an ihrer Überdurchschnittlichkeit gehindert werden. Und die Unterdurchschnittlichen muss man derweil auch irgendwie mitschleppen.

Können wir uns also die Einbußen leisten? Das wäre viel mehr die Frage, als ob es überhaupt solche gebe. Letzteres ist aus mathematischer wie statistischer Sicht keine Frage. Der Versuch, eine ominöse Geheimleistung des einen oder anderen Geschlechts zum Ausgleich der Rechnung zu beschwören, ist ohne Datenbefund reine Fantasie – zwar nicht ausgeschlossen, aber daher noch lange nicht handfest genug für ein Argument.

All diese Überlegungen stelle ich sicher nicht zum ersten Mal in den Raum. Politisch scheinen sie derweil nicht sehr populär zu sein, da moralische Argumentation und die Durchplanung der Gesellschaft Hochkonjunktur haben. Ein verdächtiges Hobby ist sie jedenfalls, die Freiheit. Wer nach ihr verlangt, will sicher Schabernack treiben! Als wäre sie mittlerweile zum bösen Codewort verkommen. Freiheit als die ›Freiheit, andere zu unterdrücken‹, so hört man es gleich mit.

Nein, die wahre Freiheit sprengt jede Unterdrückung. Sie unterdrückt eben auch nicht die Exzellenz der Wenigen zuliebe des Willens der Durchschnittlichen. Es gibt kein Recht auf Exzellenz. Damit gibt es auch kein Recht auf Gleichheit der Resultate.

Gehe, soweit dich kein Anderer tragen muss, dann bist du frei.

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