Mittelschicht tot – wen bringen wir heute um?

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Europas Zenit ist überschritten. Frühe Vorzeichen gaben die unerhörten Warner, die Apokalyptiker und Skeptiker, die man als Hintergrundrauschen ausblenden konnte. Erste Bedenken wurden hintenangestellt: Zuvor müsse man die Pandemie überwinden, dann werde die Wirtschaft schon noch gerettet werden. „Inflation gibt es nicht, ist vorübergehend, ist gut.“ Nun hängt der Westen über dem Abgrund in der Schwebe für ein letztes Selfie – zu spät.

Der Leidensdruck erhöhter Preise und ökonomischen Zerfalls ist bei jenen Bürgern angekommen, die sich die Wohlstandsverkommenheit der EU-Oberschicht nicht leisten können. Das Resultat ist, dass ausnahmsweise nicht zum Spaß demonstriert wird, sondern aus Existenzangst. Vergessen Sie die Schere zwischen Arm und Reich. In Spanien gehen Bauern und Lastwagenfahrer auf die Straße, denen der Druck in der Kneifzange zwischen Klimaschutz-Vorschriften und steigenden Lebenshaltungskosten zu groß wird.

Ungleichheit kann man sich leisten, wenn die Armen wenigstens auch reicher werden. Doch wo die Politik aktiv die Mittelschicht verarmen lässt, muss selbst ein Kapitalist mit der Stirn runzeln. Für gewöhnlich ist die Gelegenheit zur Prävention bereits verstrichen, bevor die breite Masse das Problem als solches anerkennt. An den Aktienmärkten könnte man davon sprechen, dass der kommende Crash bereits „eingepreist“ sei. Und möglicherweise ist das besagte Selfie, diese Momentaufnahme, der Marker für einen erneuten Umschwung. Vielleicht ist die Rezession bereits vorbei.

Doch es gibt etliche Gründe, anzunehmen, dass eine andere ökonomische Weisheit heute gilt: Die breite Masse unterschätzt meist das Ausmaß des Wachstums ebenso wie das Ausmaß der Zerstörung. Insofern muss man, mangels guter Gründe für gegenteilige Vermutungen, davon ausgehen, dass dies erst der Anfang vom Ende ist. 

Die jüngste Generation, die nun in den Arbeitsmarkt eintreten soll, wird mit den noch niedrigen Löhnen die schon horrenden Rechnungen ihrer Vorgänger bezahlen müssen. Für die durchschnittliche Familie war es in den letzten Jahren bereits schwierig, ein eigenes Grundstück zu kaufen. Für jede neue Familie wird es nahezu ein Ding der Unmöglichkeit sein. Die Boomer gingen auf Reisen, bauten Häuser, fuhren Auto und sparten nebenher auf ihrem Konto mit positivem Zinssatz. Ihre Kinder und Kindeskinder stecken in der Großstadt mit dem Fahrrad im Stau, während am Ende des Monats das, was nach der Miete übrig bleibt, von Negativzins und Inflation weggefressen wird.

Es ist wahrlich kein glänzendes Zeugnis, das man Europa ausstellen kann. Doch umso bedenklicher scheint es, dass noch ein recht großer Unmut in der Luft liegt, die Misere überhaupt anzuerkennen. Diese Verweigerung wird zwangsweise dafür sorgen, dass unser Fall noch tiefer und härter wird. Es gibt Zeiten für Hoffnung und Zuversicht. Doch wenn Eltern heute die Sorgen ihrer erwachsenen Kinder mit den Worten wegwischen, „das wird schon werden“ – dann haben sie noch nicht verstanden, dass diese bereits in anderen Zeiten leben. Oben hat man den Kopf noch über Wasser, doch darunter wird es bereits schwer, zu atmen.

Till Nordbruch
Herausgeber des Philosophie Journals

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