›Nudging‹ – freie Wahl der Zwänge

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In der westlichen Welt fordern die hegemonialen kulturellen und politischen Kräfte durch ›Nudging‹ zugleich oberflächliche Diversität und geistige Gleichförmigkeit ein. Anhand der phänotypischen Verschiedenheiten will man die Gesellschaft als soziales Kapital ›repräsentativ‹ aufschlüsseln und umverteilen. Ungeachtet des tatsächlichen Mehrwerts, den ein Mensch mit sich bringt, spielt es eine immer größere Rolle, ob man einem Unternehmen bei der Erfüllung von Quoten nützlich sein kann. Gleichzeitig wird es immer leichter, für individuelle Meinungsäußerungen die Kündigung zu erhalten.

Dies mag mit einer harten Realität zusammenhängen, die man in der Öffentlichkeit vor einigen Jahren zu verhandeln begann, die jedoch zu komplex war, um nachhaltig Interesse auf sich zu ziehen: Die Ersetzbarkeit des Arbeiters schreitet auch im Schatten der Ignoranz unentwegt voran. Viele Arbeitsplätze sind heute schon kaum mehr als Kindertagesstätten für Erwachsene. Sie dienen eher der Strukturierung der Gesellschaft als wirtschaftlichem Aufschwung und Innovation. Bezahlt werden die meisten Menschen für ihre Zeit, nicht für ihre Effizienz oder gar ihre Leistung.

Die ›soziale Marktwirtschaft‹, wie man in Deutschland dieses Modell nennt, hat insofern deutlich mehr mit ›sozial‹ als mit dem Markt zu tun. Beschäftigt man sich näher mit dem eigenen Bruttoinlandsprodukt, so zeigt sich, wie asymmetrisch die Produktivität in der Bevölkerung verteilt ist. Daran gemessen ist die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit im Land eigentlich noch überraschend gering. Doch was wäre die Alternative?

Die Angst der Sozialisten war nie wirklich, dass die Menschen nicht ohne sie auskommen könnten – sondern, dass genau dies eben doch möglich wäre. Doch es muss wohl auch einem gewissen Mangel an Vorstellungskraft zugeschrieben werden, dass viele deutsche Politiker beim Gedanken an eine Welt ohne die Hilfe des Staates – ohne Nudging – schnell apokalyptische Gefühle überkommen. 

Tatsächlich braucht man in der sozialen Marktwirtschaft den Mindestlohn und muss ihn sogar regelmäßig erhöhen. Nicht auszudenken, wie es großen Teilen der Bevölkerung erginge, wenn sie plötzlich für ihre relativ geringe Leistung deutlich weniger verdienen würden! Doch dabei wird übersehen, dass jedes wirtschaftliche Modell ein ganzheitliches System ist, in dem das Gehalt des Arbeiters nicht isoliert betrachtet werden kann. Bei stagnierendem Bruttoinlandsprodukt würden freie Gehälter sofort absacken. Doch in einer florierenden freien Marktwirtschaft könnte selbiges auch mit exponentiellem Wachstum ansteigen, könnten Gehälter vergleichbare oder größere Kaufkraft haben.

Der Vorteil der Freiheit ist es, dass auch Möglichkeiten entstehen, die wir uns noch nicht vorstellen können. Diese aus reiner Ignoranz zu leugnen, wäre ein fataler Trugschluss. Man muss sich vergegenwärtigen, dass Regulierungen stets auf Innovation folgen, nicht umgekehrt. Womöglich ist der Punkt der Stagnation bald erreicht, wollen wir unsere Gesetze und Beschränkungen nicht zeitnah lockern bzw. überholen. Freiheit ist kein egoistischer, menschenfeindlicher Kampfbegriff, sondern der Garant für Wohlstand, Glück und Frieden. In einer Gesellschaft, in der zu viel Zwang herrscht, gehen über kurz oder lang alle diese Werte verloren.

Und Freiheit ist es nicht etwa schon, dass man nicht zu einer exakten Entscheidung direkt gezwungen wird. Das sogenannte ›Nudging‹, die verhaltensökonomische Manipulation durch Anreize und Abschreckungen, wird mittlerweile inflationär gebraucht. Es ist unehrlich, zu behaupten, dass ein Mensch genauso glücklich ist, wenn er nach gründlichem Abwägen das kleinere Übel wählt, wie wenn er kraft seines Willens Erfolg hat.

Es gibt keine Eigenverantwortung, wenn bei allen Entscheidungen außer einer der Staat aktiv gegen den Einzelnen ankämpft. Wenn die Algorithmen der sozialen Netzwerke und Suchmaschinen das Verhalten des Individuums unter Verachtung seiner natürlichen Verhaltensmuster beeinflussen. Es gibt keine Freiheit, wenn der Gehorsame trotz allen Fehlverhaltens in Schutz genommen wird, während der Ungehorsame noch für die Schuld Dritter zur Verantwortung gezogen wird.

Till Nordbruch
Herausgeber des Philosophie Journals

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